Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitlmg.
1851. — 283.
Geschichte vom braven Kasperl und dem schonen Annerl.
(Fortsetzung.)
Nach diesen Worten ward die Alte wieder still, senkte den Kopf und schien zu beten. Der Thaler lag noch auf, ihrem Schoße. Sie weinte. „Liebe Mutter, waS fehlt Euch, was thut Euch so weh? Ihr weinet?" sprach ich. ;
„Nun, warum soll ich denn nicht weinen, ich weine auf den Thaler, ich weine auf die Bittschrift, auf Alles weine ich. Aber eS hilft Nichts, es ist doch Alles viel, ' viel besser auf Erden, als wir Menschen eS verdienen, und gallenbittere Thränen sind noch viel zu süße. Sehe Er nur einmal daS goldene Jameel da drüben an der Apotheke. Wie doch Gott Alles so herrlich und wunder* dar geschaffen hat; aber der Mensch erkennt es nicht, i Uno ein solch Kamcel geht eher durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in daS Himmelreich. — Aber, was sitzt Er 1 Hn immer da, gehe Er, den Bogen Papier zu kaufen: und bringe Er mir die Bittschrift."
„Liebe Mutter," sagte ich, „wie kann ich Euch die’ Bittschrift machen, wenn Ihr mir nicht sagt, waS ich hineinschreiben |oU."
„DaS muß ich Ihm sagen?" erwideree sie, „dann $ eS freilich keine Kunst, und wundere ich mich nicht • ^hr, daß er sich einen Schreiber zu nennen schämte, ®enn man ihm Alles sagen soll. Nun, ich will mein Mögliches thun. Setz Er in die Bittschrift, daß zwei Lebende bei einander ruhen sollen, und daß sie Einen, auf die Anatomie bringen sollen, damit man seine
Glieder beisammen hat, wenn eS heißt: „Ihr Todten,; 'hr Todten sollt auferftehen, ihr sollt vor daS jüngste Bericht gehen." Da fing sie wieder bitterlich an zu iveinen.
Ich ahnte, ein schweres Leiv müsse auf ihr lasten, aber sie fühle bei der Bürde ihrer Jahre nur in einzelnen Momenten sich schmerzlich gerührt. Sie weinte ohne zu klagen, ihre Worte waren immer gleich ruhig und sah. Ich bat sie nochmals, mir die ganze Veranlassung zu ihrer Reise in die Stadt zu erzählen, und sie sprach:
„Mein Enkel, der Uhlane, von dem ich Ihm erzählte, Halle doch mein Pathchen sehr lieb, wie ich Ihm vorher sagte, und sprach der schönen Annerl, wie die Leute sie ihres glatten Spiegels wegen nannten, immer von der Ehre vor, und sagte ihr immer: Sie solle auf ihre Ehre halten und auch auf seine Ehre. Da kriegte dann daS Mädchen etwas ganz AppartcS in ihr Gesicht und ihre Kleidung von der Ehre. Sic war feiner und manierlicher, als alle andere Dirnen. Alles saß ihr knapper am Leib, und wenn sie ein Bursche einmal ein wenig derb beim Tanze anfaßle, oder sie etwa höher als den Steg der Baßgeige schwang, so konnte sie bitterlich darüber bei mir weinen, und sprach badei immer: „ES sei wider ihre Ehre."
Ach, das Annerl ist ein eigenes Mädchen immer gewesen. Manchmal, wenn kein Mensch es sich versah, fuhr sie mit den beiden Händen nach ihrer Schürze, und riß sie sich vom Leib, als ob Feuer drinn sei, und dann fing sie gleich entsetzlich an zu weinen. Aber daS hat seine Ursache, eS hat sie mit Zähnen hingerissen, der Feind ruht nicht. Wäre daS Kind nur nicht stets so hinter der der Ehre her gewesen, und hätte sich lieber an unseren lieben Gott gehalten, hätte ihn nie von sich gelassen, in aller Noth , und hätte seinetwillen Schande und Verachtung ertragen statt ihrer Menschenehre; der Herr hätte sich gewiß erbarmt, und wird eS auch noch. Ach, sie kommen gewiß zusammen. Gottes Wille geschehe!
Der Uhlane stand wieder in Frankreich, er hatte lange nicht geschrieben, und wir glaubten ihn fast todt