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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1851. JV» S8S.

Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.

(Fortsetzung.)

AlS der Wächter Ein Uhr anrief, sagte Vie Alter »Nun habe ich noch zwei Stunden. Ei, Er ist noch da, warum geht Er nicht schlafen? Er wird morgen nicht ar*

beiten können unDjmit seinem Meister Händel kriegen; von welchem Handwerke ist Er denn, mein guter Mensch" ?

Da wußte ich nicht recht, wie ich eS ihr deutlich ma, chen sollte, daß ich ein Schriftsteller sei. Ich bin ein Ge- studirter durfte ich nicht sagen, ohne zu lügen. ES ist wunderbar, daß ein Deutscher immer sich ein wenig schämt, : |u sagen, er sei ein Schriftsteller. Zu Leuten auS den ; unteren Ständen sagt man eS am Ungernstcn, weil diesen gar leicht die Schriftgelehrten und Pharisäer auS der j Bibel dabei einfallen. Der Name Schriftsteller ist nicht ' so eingebürgert bei unS, wie daS homme de lettres bei j den Franzosen, welche überhaupt als Schriftsteller zünftig sind, und in ihren Arbeiten mehr hergebrachtes Gesetz Men, ja bei denen man auch fragt: avez-vous feit votre philosophie, wo haben Sie Ihre Philosophie gemacht? Wie denn ein Franzose sebst viel mehr von; tinem gemachten Manne hat. Doch diese nicht deutsche Sitte ist eS nicht allein, welche daS Wort Schriftsteller so [ schwer auf der Zunge macht, wenn man am Thore um ! seinen Character gefragt wird, sondern eine gewisse innere! S^am hält unS zurück, ein Gefühl, welches Jeden be- i fäßt, der mit freien und geistigen Gütern, mit unmittel- | Men Geschenken deS Himmels Handel treibt. Gelehrte suchen sich weniger zu schämen als Dichter, denn sie j Men gewöhnlich Lehrgeld gegeben, sind meist in Aemtern drâ StaateS, spalten an groben Klötzen, oder arbeiten; in Schachten , wo viel wilde Wasser auâzupumpen sind. , Bber ein sogenannter Dichter ist am übelsten daran, weil;

er meistens aus dem Schulgarten nach dem Parnass? entlaufen, und es ist auch wirklich ein verdächtiges Ding nm einen Dichitr von Profession, der eS nicht nur neben­her ist. Man kann sehr leicht zu ihm sagen: Mein Herr, ein jeder Mensch hat, wie Hirn, Herz, Magen, Milz, Leber und dergleichen, auch eine Poesie im Leibe; wer eines dieser Glieder überfüttert, verfüttert oder mästet, und

eS über alle andere hinüber treibt, ja eS gar zum Er- werbSzweige macht, der muß sich schämen vor seinen gan­zen übrigen Menschen. Einer, der von der Poesie lebt, hat daS Gleichgewicht verloren, und eine übergroße Eänse- leber, sie mag noch so gut schmecken, setzt doch immer eine kranke GanS voraus. Alle Menschen, welche ihr Brod nicht im Schweiße ihres Angesichts verdienen, müssen sich einigermaßen schämen; und das fühlt Einer, der noch nicht ganz in der Tinte war, wenn er sagen soll, er sei ein Schriftsteller. So dachte ich Allerlei, und besann mich, was ich der Alten sagen sollte, welche, über mein Zögern verwundert, mich anschaute und sprach:

Welch ein Handwerk Er treibt? frage ich. Warum will Er mirs nicht sagen? Treibt Er kein ehrlich Hand­werk, so areif Ers noch an, eS hat einen goldenen Bo­den. Er ist doch nicht etwa gar ein Henker oder Spion, der mich auSholrn will? Meinethalben sei Er, wer Er will, sag ErS, wer Er ist! Wenn Er bei Tage so hier säße, würde ich glauben, Er sei ein Lehnerich, so ein Tagedieb, der sich an die Häuser lehnt, damit er nicht umfällt vor Faulheit".

Da fiel mir ein Wort ein, daS mir vielleicht eint Brücke zu ihrem Verständniß schlagen könnte:Liebe Mutter", sagte ich,ich bin ein Schreiber.Nun", sagte sie,daS hätte Er gleich sagen sollen. Er ist also ein Mann von der Feder, dazu gehören feine Köpfe und schnelle Finger, und ein gutes Herz, sonst wird Einem draus geklopft. Ein Schreiber ist Er? Kann er mir dann