Der Wanderer.
Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1851. — M 881.
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.
(Fortsetzung.)
„Den wollen wir nicht weglegen, den wollen wir meiner Befreundeten schenken in ihrer letzten Noth"! erwiderte sie. „Den ersten Thaler nehm ich morgen wieder mit nach Hause, der gehört meinem Enkel, der soll ihn genießen. Ja seht, eS ist immer ein herrlicher Junge gewesen, und hielt etwas auf seinen Leib und auf seine Seele — ach Gott, auf seine Seele! — Ich habe gebetet den ganzen Weg, eS ist nicht möglich, der liebe Herr läßt ihn gewiß nicht verderben. Unter allen Burschen war er immer der reinlichste und fleißigste in der Schule, aber auf die Ehre war er vor Allem ganz erstaunlich. Sein Lieutenant hat auch immer gesprochen: »Wenn meine Schwadron Ehre im Leibe hat, so sitzt ste bei dem Finkel im Quartier". Er war unter den Uhlanen. Als er zum ersten Male aus Frankreich zurück kam, er« jâhlte er allerlei schöne Geschichten, aber immer war von der Ehre dabei die Rede. Sein Vater und sein Stiefbruder waren bei dem Landstürme, und kamen oft mit ihm wegen der Ehre in Streit, denn was er zuviel halte, hatten sie nicht genug. Gott verzeih mir meine schwere Sünde, ich will nicht schlecht von ihnen reden, Jeder hat seinen Bündel zu tragen; aber meine seelige Tochter, feine Mutter, hat sich zu Tode gearbeitet bei bem Faulpelz, sie konnte nicht erschwingen, seine Schulen zu tilgen. Der Uhlane erzählte von den Franzosen, vnd als der Vater und Stiefbruder sie ganz schlecht lachen wollten, sagte der Uhlane: „Vater, daS versteht 2hr nicht, sie haben doch viel Ehre im Leib". Da ward ber Stiefbruder tückisch und sagte: „Wie kannst du dei» dem Vater so viel von der Ehre vorschwatzen? War er M Unteroffizier im N...schen Regimente, und muß eS
besser als du verstehen, der nur Gemeiner ist". „Ja", sagte da der alte Finkel, der nun auch rebellisch ward, „daS war ich, und habe manchem vorlauten Burschen Fünfundzwanzig aufgezâhlt; hätte ich nur Franzosen in der Compagnie gehabt, die sollten sie noch besser gefühlt haben, mit ihrer Ehre". Die Rede that dem Uhlanen gar weh, und er sagte: „Ich will ein Stückchen von einem französischen Unteroffizier erzählen, daS gefällt mir besser. Unterm vorigen Könige sollten auf einmal die Prügel bei der französischen Armee eingeführt werden. Der Befehl deS Kriegsministers wurde zu Straßburg bet einer großen Parade bekannt gemacht, und die Truppen hörten in Reihe und Glied die Bekanntmachung mit stillem Grimme an. Da aber noch am Schluffe der Parade ein Gemeiner einen Erceß machte, wurde fein Unteroffizier vorcommandirt, ihm zwölf Hiebe zu geben. Es wurve ihm mit Strenge befohlen, und er mußte eS thun. Als er aber fertig war, nahm er das Gewehr deS Mannes, den er geschlagen hatte, stellte eS vor sich auf die Erde, und drückte mit dem Fuße loS, daß ihm die Kugel durch den Kopf fuhr und er todt nieberfank. DaS wurde an den Kdnig berichtet, und der Befehl, Prügel zu geben, ward gleich zurückgenommen. Seht, Vater, das war ein Kerl, der Ehre im Leibe hatte"! — „Ein Narr war eS"! sprach der Bruder. — „Freß deine Ehre, wenn du Hunger hast"! brummte der Vater. Da nahm mein Enkel seinen Säbel und ging auS dem Hause und kam zu mir in mein HâuSchen, und erzählte mir Alles und weinte die bitteren Thränen. Ich konnte ihm nicht helfen. Die Geschichte, die er mir auch erzählte, konnte ich zwar nicht ganz verwerfen, aber ich sagte ihm doch immer zuletzt: „Gib Gott allein die Ehre"! Ich gab ihm noch den Segen, denn sein Urlaub war am andern Tage auS, und er wollte noch eine Meile umreiten nach dem Orte, wo ein Pathchen von mir auf dem Ebel-