Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.
1851. — â 280.
Geschichte vom brave» Kasperl und dem schönen Annerl.
(Fortsetzung.)
Da fuhr die Alte überrascht auf und sprach: „Lieber Herr, gehe Er doch nach HauS und bete Er fein, und lege Er sich schlafen. WaS zieht Er so spät noch auf der Gasse herum? Das ist jungen Gesellen gar nichts nütze, denn der Feind geht um und suchet, wo er sich Einen erfange. Es ist Mancher durch solch Nachtlaufen verdorben, Wen sucht Er? Den Herrn? Der ist in deS Menschen Herz, so er züchtiglich lebt, und nicht auf der Gasse. Sucht Er aber den Feind, so hat Er ihn schon; gehe Er hübsch nach HauS und bete Er, daß Er ihn loS werde. Gute Nacht"!
Nach diesen Worten wendete sie sich ganz ruhig nach der anderen Seite, und steckte den Thaler in ihren Reisesack. Alles, was die Alte that, machte einen eigenthüm- lichen ernsten Eindruck auf mich, und ich sprach zu ihr: „Liebe Mutter, Ihr habt wohl recht, aber Ihr seid eS, waS mich hier hält. Ich hörte Euch beten und wollte Euch ansprechen, meiner dabei zu gedenken".
„Das ist schon geschehen", sagte sie. „Als ich Ihn so durch den Lindengang wandeln sah, bat ich Gott: Er möge Euch gute Gedanken geben. Nun habe Er sie, und gehe Er fein schlafen".
Ich aber setzte mich zu ihr nieder auf die Treppe, und ergriff ihre dürre harte Hand und sagte: „Lasset mich hier bei Euch sitzen die Nacht hindurch, und erzählet mir, woher Ihr seid und waS Ihr hier in der Stadt sucht; Ihr habt hier keine Hilfe, in Euerem Alter ist man Gott näher als den Menschen; die Welt hat sich verändert, seit Ihr jung wäret". —
„Daß ich nicht wüßte", erwiderte die Alte, „ich habö ' mein Lebetag ganz einerlei gefunden. Er ist noch zu jung, ’ da verwundert man sich über AlleS; mir ist Alles schon
j so oft wieder vorgekommen, daß ich eS nur noch mit j Freuden ansehe, weil eS Gott so treulich damit meint. I Aber man soll keinen guten Willen von sich weisen, wenn ! er einem auch gerade nicht Noth thut, sonst möchte der ; liebe Freund auSbleiben, wenn er ein andermal gar will- ! kommen wäre; bleibe Er darum immer sitzen, und sehe Er, waS Er mir Helsen kann. Ich will Ihm erzählen, waS mich in die Stadt den weiten Weg hertreibt. Ich hâu' eS nicht gedacht, wieder hierher zu kommen. E- sind siebzig Jahre, daß ich hier im Hause als Magd ge-
: dient habe, auf dessen Schwelle ich sitze, seitdem war ich ! nicht mehr in der Stadt; was die Zeil herumgeht! ES ist, als wenn man eine Hand umwendet. Wie oft habe
I ich hier am Abend gesess-n vor siebzig Jahren, und habe auf meinen Schatz gewartet, der bei der Garde stand. Hier haben wir und auch versprochen. Wenn er hier —
' aber still, da kömmt die Runde vorbei".
Da hob sie an mit gemäßigter Stimme, wie etwa junge Mägde und Diener in schönen Mondnächten, vor der Thüre zu singen und ich hörte mit innigem Vergnügen folgendes schöne alte Lied von ihr:
„Wann der jüngste Tag wird werden, Dann fallen die Sternelein auf die Erden. Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn, Ihr sollt vor das jüngste Gerichte gehn; Ihr sollt treten auf die Spitzen, Da die lieben Englein sitzen.
Da kam der liebe Gott gezogen Mit einem schönen Regenbogen. Da kamen die falschen Juden gegangen, Die führten einst unsern Herrn Christum gefangen. Die hohen Bâum erleuchten sehr, Die harten Stein zerknirschten sehr. Wer dies Gebetlein beten kann, Der bets des Tages nur einmal, Die Seele wird vor Gott bestehn, Wenn wir werden zum Himmel eingehn"!
Amen.