Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M S79.
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.
Von Clemens Brentano.*)
ES war SommerS-Frühe. Die Nachtigallen sangen erst feit einigen Tagen durch die Straßen und verstumm« Im heut in einer kühlen Nacht, welche von fernen Gewittern zu unS herwehte. Der Nachtwächter rief die elfte Stunße an. Da sah ich, nach Hause gehend, vor der Thüre eines großen Gebäudes einen Trupp von allerlei Gesellen, die vom Biere kamen, um Jemanden, der auf den Thürstufen saß, versammelt. Ihr Antheils schien mir so lebhaft, daß ich irgend ein Unglück besorgte und mich näherte.
Eine alte Bäuerin saß auf der Treppe, und so lebest sich die Gesellen um sie bekümmerten, so wenig ließ He sich von den neugierigen Fragen und gutmüthigen Borschlägen derselben stören. ES hatte etwaS sehr Befremdendes, ja schier Großes, wie die gute alte Frau so sehr ^nßie, waS sie wollte, baß sie, alâ sei sie ganz allein in ihrem Kämmerlein, mitten unter den Leuten eS sich unter beiein Himmel zur Nachtruhe bequem machte. Sie nahm ihre Schürze als ein Mäntelchen um, zog ihren großen schwarzen wachsleinenen Hut tiefer in die Augen, legte sich ihr Bündel unter den Kopf zurecht und gab auf keine 8rage Antwort.
( *) Aus den so eben bei Sauerländer in Frankfurt erschienenen gesammelten Schriften des Verewigten, die wir hiermit empfohlen haben wollen und nicht besser als durch diese Cr^ählung empfehlen können Dieselbe stanv ursprünglich in einer zu Berlin in den Jahren 1816 oder 1817 erschienenen belletrissi- sch"> Sammlung in 4 Bânochen. weiche damals FouqiiS, King von Nidda, G. T A. Hofmann u. A. <um Besten der in den deutschen Fieiheitskäinpfen von 1813—13 verwundeten Krieger herauSgeg-ben hatten.
„Was fehlt dieser alten Frau"? fragte ich einender Anwesenden. Da kamen Antworten von allen Seiten: „Sie kommt sechs Meilen Weges vom Lande, sie kann nicht weiter, sie weiß nicht Bescheid in der Stadt, sie hat Befreundete am anderen Ende der Stadt, und kann sich nicht hin finden". „Ich wollte sie führen", sagte Einer, „aber es ist ein weiter Weg und ich habe meinen Hausschlüssel nicht bei mir. Auch würde sie daS HauS nicht kennen, wo sie hin will". „Aber hier kann die Frau nicht liegen bleiben", sagte ein Neuhinzugetretener. „Sie will aber platterdings", antwortete der Erste, „ich habe eS ihr längst gesagt, ich wolle sie nach Hause bringen; doch sie redet ganz verwirrt, ja sie muß wohl betrunken sein. — Ich glaube, sie ist blödsinnig". „Aber hier kann sie doch in keinem Falle bleiben", wiederholte Jener, „die Nacht ist kühl und lang".
Während allem diesem Gerede war die Alte, gerade alS ob sie taub und blind sei, ganz ungestört mit ihrer Zubereitung fertig geworden, und da der Letzte abermals sagte: „Hier kann sie doch nicht bleiben", erwiderte sie mit einer wunderlich tiefen und ernsten Stimme:
„Warum soll ich nicht hier bleiben, ist dieS nicht ein herzogliches HauS? Ich bin acht und achtzig Jahre alt, und der Herzog wird mich gewiß nicht von feiner Schwelle treiben. Drei Söhne sind in seinem Dienste gestorben, und mein einziger Enkel hat seinen Abschied genommen; — Gott verzeiht eS ihm gewiß, und ich will nicht sterben, biS er in seinem ehrlichen Grabe liegt".
„Acht und achtzig Jahre und sechs Meilen gelaufen" ! sagten die Umstehenden, sie ist müd und kindisch, in solchem Alter wird der Mensch schwach".
„Mutter, Sie kann aber den Schnupfen kriegen und sehr krank werden hier, und Langeweile wird Sie auch haben", sprach nun einer der Gesellen und beugte sich näher zu ihr.