Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M S77
Die freundlichen Brüder.
Erzählung von K. Rudolf.
(Fortsetzung)
Hier unterbrach die Tante den Maler mit den Worten: „Sie erzählen unS ein Mahrchen aus irgend einem allen Gedichte".
„Ein Mahrchen"? rief mein Freund, „gewiß nicht, i<6 habe die Geschichte in einem sehr gelehrten, ernsthaften und langweiligen Buche gefunden, daS Alles aus den Quellen geschöpft hat. Aber warum soll daS nun ein Mahrchen sein, ist doch noch kein Wort von Riesen und Zwergen, oder von Drachen und bezauberten Fräulein vorgekommen, und eS wird auch weiter von einem solchen Dinge nichts vorkommen. Also warum denn ein Mahrchen" ?
„Weil ich an eine solche Freundschaft nicht glaube", sagte die Tante lachend.
„Wie, Sie glauben nicht an reine Liebe und Treue", ms jetzt »ch, ganz verwundert über diesen kalten Unglauben, „daS ist mir ganz neu, daß Sie zu denen gehören, bie Alles auf die Selbstsucht zurückführen. Was sagen denn Sie, Sophie" ?
„Hören wir doch erst daS Ende der Geschichte", sagte biese, „einem schönen, stillen Anfänge folgt meistens ein trüber Schluß«.
„DaS ist hier" , nahm der Maler wieder das Wort, "in gewissem Sinne auch der Fall, aber nicht so, wie ^ie zu vermuthen scheinen. Die Brüder blieben Freunde, ber König aber, der entweder auch der Ansicht unserer ileben Hausfrau war und an die Dauer dieses reinrn Verhältnisses nicht glaubte, oder es für ungeziemend hielt, baß seine Söhne eine seiner Hofdamen, die ihnen nicht ^enbürtig war, liebten, entfernte die Schöne. Wie die Minzen eines schönen Morgens wieder erschienen, ihr die
gewohnte Huldigung darzubringen, blieb daS Fenster ver? schloffen, und, nachdem sie lange vergebens geharrt hatten, erfuhren sie endlich, daß die schöne Amalgunde, so meine ich heißt sie, um Mitternacht abgereiSt. Daß dies uufBe- fehl deS Königs geschehen, ging aus Allem hervor; wohin sie sich gewendt habe, das wußte Niemand zu sagen. Nur schwache Spuren und Vermuthungen ließen sich aufbringen, sie genügten indeß den Brüdern, um ihrer Geliebten nachzureisen, denn sie waren entschloffen, wenn eS sein müßte, sie bis an die Enden der Welt zu suchen. Eines Morgens waren die Prinzen verschwunden. Ehe man noch ernstliche Anstalten machen konnte, aus sie zu fahnden, kam schon die Nachricht, daß sie auf einem venezianischen Schiffe dfe Insel verlassen haben. Der alte König war untröstlich".
„Was gibt eS denn"? unterbrach die Tante hier den Erzähler, da der Wagen auf der ebenen Straße plötzlich stille hielt.
Ein Fußgänger hatte den Kutscher gefragt, ob er nach Neustadt fahre, so hieß der nächste Ort, wo die Pferde gefüttert werden mußten, und auf die bejahende Antwort hatte sich dèr Fremde auf den Kutschenbock geschwungen, und der Wagen fuhr jetzt weiter.
„Also der König war untröstlich", knüpfte die Tante wieder an, „und ließ in aller Welt bekannt machen, wenn seine verlorenen Söhne zurückkehrten, so solle die schöne Amalgunde mit — nun mit welchen von Beiden verhei- rathet werden" ?
„Nein, nein", rief der Maler, „so ist eS nicht. Große, reine Treue gab eS in jenen alten Tagen, aber eine solche feine Liebe der Väter zu den Kindern, wie Sie dem Könige andichten wollten, ist erst in unsern Tagen erfunden worden. Suchen aber ließ der alte Herr die Söhne allerdings, und einem der Späher gelang eS auch, sie in Italien zu finden, im erbärmlichsten Zu-