Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — M 276.
Die freundlichen Brüder.
Erzählung von Ä. Rudo ls.
(Fortsetzung )
Hiermit war unS der Tag zur Hälfte verdorben, denn wir hatten unS höchlich daraus gefreut, an der Seite unserer Schönen durch die Straßen zu schreiten MD AbendS neben ihr im Theater zu sitzen, auch hatten wir keine näheren Bekannten hier, die wir aufsuchen mochten. ES war feit vielen Wochen der erste verdrießliche Mittag.
Da wir die Sehenswürdigkeiten der Stadt längst kannten, so wußten wir nichts Besseres zu thun, als in t>n, wie wir wußten, sonst viel besuchtes Weinhaus zu gehen. Wir trafen indeß heute nur einige wenige stumme Gäste dort, die über Zeitungsblättern brüteten, und am ^nde geriethen wir auf der Schwelle des Hauses noch in einen widerwärtigen Streit mit einem jungen Manne, ^r hier aus einem Miethivagen stieg. Dieser hatte nämlich in die Taschen deS Wagens einige seltene Miuera- >ien gesteckt, die er jetzt vergebens suchte. Der Kutscher ^aite sie auf der letzten Station als unnütze Waare Hin- auSgeworfen und seine Verwunderung über die heftigen Vorwürfe des jungen ManneS, dem er kostbare Schatze verschleudert haben sollte, war so drollig, daß wir unS des Lachens nicht enthalten konnten. Der junge Mann ^er in seinem Aerger, bezog das Lachen auf sich. Es ^ zu einem Wortwechsel, der widerwärtig geendigt ^âtfe , wenn nicht ein Unbekannter, der Zeuge deS ganzen Austritts gewesen war, sich ins Mittel gelegt ,und den Mineralogen bestimmt hatte, seine beleidigenden Worte iurückzunthmen.
2n der übelsten Laune traten wir inS Theater, aber wie schnell wich aller Verdruß, alS unser suchendes Auge ""§ der Menge der Zuschauer Sophien herausfand. Zu
ihr vorzudringen, gelang unS nicht, da daS Haus ge, : drängt voll war, aber ich glaubte zu bemerken, daß sie ! unS erkannt habe. Die Symphonie begann und weckte I Alles, was von LiedeSfeucr in meinem Herzen verschlossen sein mochte. In dieser Stimmung sah ich zum ersten Male die genannte Dichtung. Viele haben sie kalt genannt, mich hat eine verzehrende Gluth daraus angeweht , und heute noch macht das Gedicht denselben Eindruck auf mich. AehnlicheS ging in dem Herzen meines Freundes vor; stumm schritten wir nach dem Schluffe unserem Gast, Hofe zu, die Wirkung war zu gewaltig gewesen, als daß ; wir dieselbe jetzt schon hätten aussprechen können.
Im Gasthof empfing uns ein lautes, bunteS Treiben. Der große Saal war gedrängt voll Gästen, die größtenihcilS wie wir, deS Theaters wegen auS der Ferne herdeigekommen waren. Zwei Italiener durchdrangen mit neckischen Liebesliedern, die sie zur Cither fangen, daS verworrene Tosen, um uns vollends zu betäuben. Unsere Damen waren kurz nach uns eingeiroffen, allein an eine Mittheilung war in dem wachsenden Lärmen nicht zu denken. Wir nahmen, um nicht hungrig abzureisen, ; den Kellnern daS nächste Beste, daS sie in den Händen halten und waren herzlich froh, als wir auS dem Gedränge der Wagen endlich den unseren herauSgefunden hatten.
Es wollte jedoch auch im Wagen zu keiner ordentlichen Unterhaltung kommen. Sophie war stumm; auf Fragen, die man an sie richtete, antwortete sie verdrießlich , ww man eS nicht an ihr gewöhnt war. Die Tante wollte eine Verstimmung verbergen, knüpfte Gespräche an und ließ sie in sichtbarer Zerstreuung wieder fallen. Inder Verzweiflung begann ich endlich eine Kritik unseres Trauerspiels und suchte über das Verhältniß dieser Dichtung zu der griechischen Tragödie inS Klare zu kommen. Ich fand nicht den mindesten Anklang; die Theilnahme an jenen