Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — S7L
Die freundlichen Brüder.
Erzählung von K. Rudolf.
(Fortsetzung)
Gewitter, Regenschauer, die unS überfielen, verfehlte Wege bei einbrechender Nacht und was eS sonst von kleinen Abenteuern auf dem Lande gibt, erhöhten nur den Reiz dieser Gänge. Wenn wir zwei Freunde dann endlich in später Nacht ganz allein waren und, unter dem Fenster liegend, noch in die laue Nacht hinauSsahen, so war eS Sophiens Anmuth und Schönheit, die wir um die Wette priesen, wir waren unerschöpflich, unS Züge ihrer Liebenswürdigkeit, wie sie sich im Verlaufe deS Ta- geS gezeigt hatten, vorzuhalten. Wir waren beide sterblich in sie verliebt, jeder nach seiner Weise, und von Eifersucht zwischen unS war, ich kann eS aufs bestimmteste versichern, keine Spur vorhanden, so wenig, daß unS dies nicht einmal als etwas Besonderes aufgefallen wäre, wenn wir nicht, ich weiß nicht mehr in welchem Buche, das wir gerade lasen, den Satz gefunden hätten, gemeinsame Liebe sei der Freundschaft Grab.
Den lustigen Gängen und Fahrten machte eine längere Regenzeit, die unS ganz ins HauS bannte, ein Ende. Tie führte uns Freunde zu einem gewissen Fleiße zurück, Werft den Maler. Diesem war eS nicht gegeben, seine Seit sitzend zu verträumen; wenn er sich nicht im Freien i umtreiben konnte, so mußte er arbeiten. Gleich an dem ersten Regentage hatte er AbendS kleine Landschaftsbilder i aus unserer Umgebung aufzuweisen. Ich wollte nicht iurückbleiben und auch meine Studien der Verehrten dienstbar machen. Ich hatte mich viel mit den Tragödien der Griechen beschäftigt und war in der letzten Zeit wieder an mein Lieblingsstück, die AlcestiS deS EuripideS, ge, suchen. Ich versuchte jetzt, eine ältere Uebersetzung, die '$ unter meinen Büchern hattte, so fließend zu machen,
daß sie sich den Frauen vortragen ließ. Die schöne Dichtung verfehlte auch in der schwachen Nachbildung ihre Wirkung nicht. Der Versuch wurde an einer Reihe von andern Stücken wiederholt und, wie der Maler mich zum Fleiße getrieben hatte, so wurde jetzt wieder er von mir angeregt. ES trieb ihn, die bedeutendsten Situationen jener Dichtungen in Umrissen zu zeichnen. Da sah ich denn die Geliebte in den verschiedensten, bald hohen, bald anmuthigen Stellungen, denn ihr glich auf deS MalerS Bildern Electra und Antigone, Jphigenia und Alceste.
Nach den ersten Stücken fühlten der Maler und die Frauen bald das Bedürfniß, sich über die Einrichtung der griechischen Bühne belehren zu lassen und ich ließ mich nicht lange bitten, über einen Lieblingsgegenstand zu reden. Da der Stift deS MalerS meinen Erörterungen zu i Hilfe kam, so wurde endlich eine Vorstellung gewonnen, aber man konnte sich nicht verhehlen, daß man doch kein recht lebendiges Bild vor sich hatte, und eines AbendS wurde der Wunsch rege, eS möchte eine unserer größeren Bühnen den Versuch wagen, die alte Tragödie in der alten Weise über die Bretter gehen zu lassen.
AlS wir einige Tage später wieder aus unsern Zimmern heraus kamen, um die Frauen zu unterhalten, trat die Tante lebhaft mit einem ZeitungSblatte entgegen. „Rathen Sie einmal, waS hier angekündigt wird", rief sie. „DaS Glück scheint unS günstig zu sein". Begierig griffen wir nach dem Blatte. Es enthielt die Anzeige, daß am kommenden Tage ein neues Trauerspiel von Schiller, die Braut von Messina, in der Hauptstadt gegeben werde. Dieser Nachricht folgte eine weitere Be- sprechung deS Gedichts, aus der wir sahen, daß es damit auf nichts Geringeres abgesehen war, als die griechische Tragödie zu erneuern. „Wie Schade, daß wir nicht anwohnen können", riefen der Maler und ich wie