Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allqem. Zeitung.
1851. — M 274
Die freundlichen Brüder.
Erzählung von K. Rudolf.
(Fortsetzung.)
Mit derselben sanften , schwesterlichen Freundlichkeit mit der mir Sophie am ersten Abende begegnet war, trat sie mir an jedem Morgen wieder entgegen. Der Herbst hatte sich jetzt eingestellt, in den Gärten und Baumgärlen gab es viel zu thun, und eS war, als verstünde eS sich von selbst, daß ich ihr auf allen ihren Gängen daS Geleite gebe, ihr in allen ihren ländlichen Geschäften, so viel mir, dem Sladikinde, möglich war, beistehe.
Ein kleines Lied, daS mir im Gedächtniß geblieben ist, weil es, später von einem Freunde in Musik gesetzt, eine Zeit lang in unserer Stadt beliebt war, w'rd am besten den Eindruck dieser guten Zeit wieder geben. Wir ruhten einst neben einem Wiesenabhange, an einer sehr heimlichen Stelle, von der mir Sophie sagte, daß sie bad LieblingSplätzchen ihres Vetters Karl sei. Ich war an ihrer Seite gar glücklich, indem der Traum von einer schönen Zukunft und das Gefühl der lieblichsten Gegen- ivart sich gleichsam um mein Herz stritten. Aehnliches schien mit auch in der Seele Sophiens vorzugehen. So übergab ich ihr denn am Abende die folgenden Strophen :
Die Sonne scheinet so getinde
Auf diesen herbstlich grünen Rase»,
Ich sitze bei dem liebsten Kinde,
1 Wir hören, wie die Hirten blasen,
Wir sehen, wie die Rinder grasen.
Wir sehen, wie auf sammtnen Wiesen
Zeitlosen blühen ohne Ende,
Wir hören, wie die Woffer fließen
Mit sanftem Rauschen durchs Gelände;
Wir geben lächenld uns die Hände.
Es will ein Wunsch den Busen dehnen,
Es steigen leise, leichte Klagen,
Doch all das Klagen, all das Sehnen, Umhaucht von diesen goldnen Tagen, Zerfließt's in seligem Behagen.
Sophie dankte mir, errathend , aufs freundlichste la, i für und zeigte eS dann der Tante, die eS gleichfalls mit ! großem Wohlgefallen aufzunehmen schien.
Mir war durch und durch wohl zu Muthe, nur daß ich mich in manchen Stunden nach einem meiner Freunde, einem Maler Wolf sehnte, dem ich Alles, was ' mein Herz bewegte, anzuvertrauen gewohnt war. Die» 1 ser Wunsch wurde mir in Kurzem auf unerwartete Weise : gewährt. Ich beendigte eben einen langen Brief an ihn, i in dem ich ihm mein Glück beschrieb, als sich meine > Thüre öffnete. Wie ich aufsah, stand der Freund lächelnd auf der Schwelle. „Ich wollte nur sehen, ob du noch nicht versauert bist", sagte er langsam in seiner trockenen ■ Weise. Ich umarmte ihn herzlich, heftiger als er eS an mir gewohnt war, und bot ihm dann den Brief hin. I „Da lieS", rief ich, „so etwas kann man nicht sagen". ! Er gab mir, als er gelesen, daS Blatt mit dem Lächeln ■ zurück, das sich über sein Gesicht zu verbreiten pflegte, s wenn ihm etwas Angenehmes widerfahren war. „Ich ! habe sie schon gesehen", sagte er dann, „sie stand unter ' dem Thore, als ich hereinging, sie ist wirklich ein netteS I Ding. ES geht dir also gut", fuhr er nach einiger Zeit : fort, „nun kann ich getrost fürbaß schreiten, ich wollte, wie gesagt, nur geschwind nachsehen, ob du nicht ver, . säuert seiest, da du gar kein Lebenszeichen von dir gabst". Er schickte sich wirklich an, sogleich weiter zu gehen, denn er war aus einer kleinen Reise begriffen, die, wie er meinte, nicht den geringsten Aufschub litt. Damit wir noch länger beisammen sein könnten, sollte ich ihn bis ' zu dem benachbarten Städtchen, wo er schon ein Fuhr-