Der Wanderer.
----«» W»e— sm----
Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M S7S
D i e Feldblume.
(Schluß.)
Sie war nun frei. Birkhofen's Schwester überreichte ; ihr eines TageS weinend die SchcidungSacte, die sie ruhig lächelnd empfing, und ein paar Tage später einen Brief von Louisen, worin ihr diese ihre noch geheime Berlo, i bung mit — Birkhofen anzeigte. Sie schrieb:
„Glauben Sie nicht, verehrte Frau, daß ich auS Edelmuth für Sie mein Leben opfere. Als ich von Ihnen ; Mg, sprach ich mit Kempten, und er sagte mir sehr offen, daß er jetzt tief bereue, mir seine Hand angeboten zu haben; denn je länger und tiefer die Ueberzeugung, daß sie frei seien und ihn dennoch lieben könnten, bei ihm ein- ; dringe, je mehr fühle er, daß er Sie doch über' Alles liebe und allein lieben könne. Seine Worte waren: »»Ein Mann liebt nicht hoffnungslos zehn Jahre eine 8rau, ohne daß diese Liebe sich nicht in's Mark seines. Lebens verwachse. Adelinen ist mein ganzes vergangenes Leben verpflichtet, und im siebenunddreißigsteu Jahre ver-; ®dfl man nicht mehr, die Vergangenheit von der Zu« , kunst abzuschneiden, weil eS die bessere Hälfte ist, und! was nun kommt, ist, wenn auch nicht Schweigen,^ wie Hamlet bei seinem Tode sagt, aber doch Erinnerung ; und Zurückschauen."" Sie werden nun denken, weil mich Kempten nicht liebt, sei eö nicht nöthig , daß ich Birk-! Hufen heirathe; aber daS ist die volle Wahrheit: Ihr! Innerer Gemahl gefällt mir und hat mir immer gefallen, freilich nur als der Mann einer Anderen. Es ist außer- ordentlich gutmüthig , und an seiner Seite wird mir daS:
Glück deS Gebens zu Theil. Ich kann für meinen : Vater, für meine jüngeren Geschwister sorgen, und ich werde eS schon von ihm erbitten, daß er mir die Welt; und ihre Schönheit etwas zeige. Er hat mir jetzt schon, versprochen, mich künftigen Winter nach Paris zu führen.
Ist daS nicht allein schon für eine „„Feldblume"", wie Sie mich immer nannten, der Mühe werth, einen Mann zu nehmen"?,
Daß Kempten jene von ihr mitgetheilten Aeußerungen erst gethan, nachdem ihm Louise erklärt, daß f t e den Baron heirathen werde, schrieb diese letztere freilich nicht.
Adeline legte tief gerührt den Brief hin, denn sie durchschaute wohl des edlen Kindes Absicht und war durch alle lustigen Reden nicht über die Größe deS OpserS, welches Louise ihr brachte, zu täuschen.
Kempten ließ nichts von sich hören. Dem Fräulein von Birkhofen schrieb eine Frundin, daß er eine Reise nach Spanien angetreten und vor Jahresfrist nicht zurück- kehren werbe.
Jede Frau muß aber einen Lebenszweck, eine Lebensaufgabe haben. Adeline hatte bisher ihr Leben mit der Freundschaft für Kempten ausgefüllt — jetzt war daS aus — sie wandte sich jetzt ganz der Wohlthätigkeit zu. Hunderte von Kindern speis'te, nährte und kleidete sie: denn wie alle ächt weiblichen Gemüther hatte sie eine tiefe Liebe zu den kleinen „Menschenblumen", wie sie sie nannte. Sie lebte höchst einfach, um ihr reiches Einkommen den Kleinen in großem Maßstabe zuwenden zu können. Sie hielt selbst Schule, sie opferte sich vollkommen auf.
Eines Winter - Abends, es war schon ganz dunkel, kam sie allein verspätet von einem Gange zu ihren Kleinen nach Hause. Schon von Weitem sah die Fenster ihres WohngemachS erleuchtet, aber statt Fräulein Birkhofen's einsamer Gestalt am Fenster neben dieser einen hohen ManneSschatten.
DaS Herz schlug ihr — ihr war'S, als könne nur er daS sein. Als sie die Treppe hinaufstieg und ihr Die- ner ihr den Mantel im Vorzimmer abnahm, erkannte sie