Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — S71
Die Feldblume.
(Fortsetzung.)
Gutes Kind, du vergißt immer, daß Kempten dich liebt und — mich vergessen hat! Nein, nein, heirathe Kempten, und ich — sagte sie bitter lachend — ich versöhne mich mit Birkhofen.
Wirklich?
Nein, nein, für mich ist's auS — und ich weiß wirklich nicht, was ich mit mir selbst ansangen soll! Will mir Niemand den Gefallen thun und mir hierin einen guten Rath geben? Ich bin ganz überflüssig, ja, sogar hinderlich aus der Welt!
Sie sagte das alles, von kurzem krampfhaftem Lachen unterbrochen — Louisen wurde bange!
O, fuhr Adeline fort, wie habe ich ihn geliebt! Aber tief, tief im Innern, Niemand sah eS, nicht einmal er durfte einen Strahl dieser Sonne, die mein Inneres durchglühte, erhaschen!
Er wird das einsehen, und —
Kümmere dich nicht um mich und schreibe ihm dein Jawort.
Nein, ich werde ihm abschreiben und thue das leicht und freudig. — Nur eines erschwert mir's: er wird mein Nein seinem ehrlichen Bekenntniß, daß er nur ein sehr kleines Vermögen besitzt, zuschreiben — er meinte, mit meinen und seinen bescheidenen Ansprüchen würden die Zinsen seines Vermögens wohl hinreichen, uns in einem Winkel der Schweiz zu ernähren.
Adeline sagte nichts mehr. Louise wollte sie leise verlassen. Als sie schon an der Thüre war, winkte ihr Adeline mit der Hand und deutete auf den Brief von Kempten, den Louise in der Hand hielt — sie wollte ihn da behalten; Louise legte ihn zögernd auf den Tisch und ging. -
Dieser Brief, den sie nach einer Stunde erst zu lesen im Stande war, beruhigte und versöhnte übrigens ihr s Gefühl, anstatt es zu verletzen, wie sie gefürchtet hatte. Kempten schrieb an Louise;
„Ich biete Ihnen meine Hand an — aber mit dem ! vollen Bewußtsein, welche Thorheit eS von Ihnen wäre, ’ sie anzunehmen ; denn eS ist nicht die warm pulsirenve ; Hand eines Jünglings, und nicht einmal die lebenSmu« thige eines Mannes, sondern nur die Hand eines lebens- : müden Menschen, der in Ihnen die letzte Möglichkeit sieht einen Theil seiner verlorenen Jugend wieder zu gewinnen. I Ich habe meine beste Lebenszeit verschleudert mit Trâu- i men und Lieben. Diese Liebe zu einer Frau, die keiner Gegenempfindung fähig, von jenem Tugendstolz durchdrungen, der den kalten Gemüthern so wohlfeil zu errin : gen ist, hat mich unendlich tief herab gestimmt — mir ! ist zu Muthe, als hätte ich mich zum Spielwerk miß- ! brauchen lassen. Als mir zum ersten Mal die volle Sonne Ihrer frischen , warmen ungekünstelten Natur aufging, sah ich erst ein, wie diese Frau jeder natürlichen Empfindung unzugänglich war — ich verglich Sie beide im ; Geiste und nahm mir vor, die langgenährte Flamme wei- - neS Herzens auszulöschen. Erst später, als mir daS ( schon lange gelungen schien, erwachte daS Bedürfniß, Sie i selbst zu lieben und, lassen Sie michS gestehen, geliebt ? zu werden. Vermögen Sie das — aber ich fordere viel, ich fordere ein ungetheilteS heißes Herz in der Einsamkeit, eine ungelheilte Aufmerksamkeit und Treue für ewig — können Sie daS, so folgen Sie mir dahin, wo ich mein erobertes Glück, meine wiedergewonnene Jugend verbergen will.
Adeline las nur bis dahin, aber sie fühlte sich be- i ruhigt — er hatte sie nicht ganz vergessen gehabt — er i hatte ihr nur gezürnt, und mit gehobenem Muth brachte i sie das Opfer ihrer Liebe.