Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
1851. — M 269.
Di e Feldblume.
(Fortsetzung.)
Fünfzehn Jahre! sagte Adeline und faltete traurig die Hände.
Werden zwischen unS getheilt. Sie werden daraus ersehen, welch guter Wirth ich gewesen.
Adeline stand auf und gab ihm dadurch daS Zeichen zum Gehen.
Er streckte ihr die Hand entgegen. Lassen Sie mir die Genugthuung , daß wir ohne Groll mit gegenseitiger Achtung von einander unS trennen!
Sie legte mit großer Ueberwindung ihre feinen Fin« Spitzen in seine derbe Hand — diese Hände hätten schon durch ihre Formen gezeigt, daß sie nicht in einander gehörten.
Er ging. Sie verriegelte die Thür hinter ihm, sank inS Scpha, und ein Thränenstrom erleichterte ihr Herz es war dennoch getroffen worden, vom ungeliebten Manne, und zwar an der empfindlichsten Stelle, an fei» ‘ nein Stolze.
Aber sich rasch bezwingend sprang sie aus. Nun zu ^, ich habe ja weiter Niemanden mehr auf der Welt! Und sie setzte pen Hut auf, schlug die Mantille um ihren schlanken Leib, und wie sie war, in Morgcn-Ueberrock M Morgenschuhen , lief sie hinunter in den Hof und ötsiellie selbst dem Kutscher, daß er anspannen solle, und kand in der Stallthür und wartete — daS HauS wollte ne nicht mehr betreten, und die Domestiken waren alle verwundert; denn so etwas hatten sie noch nie von ihr gesehen.
In der Stadt, in ihrer Wohnung angekommen, Wlkte sie sogleich zu Kempten und ließ ihn zu sich rufen.
er eintrat, fiel ihr seine verlegene und sogar zerstörte Miene auf.
Verzeihen Sie, Kempten, daß ich Sie so früh am Tage stören ließ, aber . . .
Sie haben meinen Brief nicht erhalten?
Keine Sylbe !
Gott sei Dank! sagte er aufathmcnd — ich dachte, Sie wollten mir Vorwürfe machen.
Vorwürfe, Ihnen, weßhalb?
Später, gnädige Frau ; nun sagen Sie mir, worin ich Ihnen dienen kann.
Denken Sie Sich , Kempten, mein Mann — Birkhofen — will sich von mir scheiden lassen!
Nicht möglich!
Wahrhaftig, er hat so eben feierlich meine Einwilligung eingeholt.
Die Sie ihm aber doch nicht ertheilt haben?
Gewiß habe ich sie ihm ertheilt . . .
So will ich gleich hinaus und ihn davon abbringen das darf, das kann nicht geschehen!
Adeline zuckte eS durch daS Herz, als habe ein dreischneidiger Dolch sie getroffen. Hatte nicht derselbe Mann auf derselben Stelle noch vor einem halben Jahre sie auf den Knieen gebeten, ihm doch zu erlauben, zu ihrem Gemahl zu gehen, um ihn einer Scheidung günstig zu stimmen? War daS nicht seit zehn Jahren seine wig von ihr zurückgedrängter und verwehrter Wunsch, seine heiße Bitte, sein glühendes Verlangen? Und jetzt, jetzt, da sie meinte, er solle in Glück und Liebe aufgelöst zu ihren Füßen hinsinken und ihre nun ohne ihr Zuthun freigeworbene Hand begehren — nun war er offenbar erschrocken, und wollte sogar zu ihrem Manne gehen und ihn davon abbringen?
Er liebte sie also nicht mehr!
Als sie sich mühsam nach langem Kampfe gefaßt und Kraft genug fühlte, vor ihn, den Wortlosen, Erschrockenen, der nun wohl einsah, waS er gethan^hatte, zu treten,