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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. 1

1861. ^ 868.

DLe Feldblume.

(Fortsetzung.)

Adeline schellte ihrer Kammerfrau und ertheilte ihr in sehr gleichgültigem Ton« die Weisung, Niemanden zu ihr zu lassen, bis der Herr sie verlassen habe. Dann »ahm sie eine Häkelarbeit, setzte sich recht bequem in einem Fauteuil zurecht und sagte darauf, wie man ein Lind aufmuntert, seine Lektion zu sagen r Ich bin ganz Ohr, nun sage!

Du weißt, begann der Gemahl, nachdem er sich ebenfalls gesetzt, daß bei unserer Verheirathung du acht, zehn, ich einundzwanzig Jahre zählte.

Adeline nickte, ließ aber auS lauter Verwunderung, wo dieser Eingang hinaus wolle, ihre Häkelarbeit in den Schooß fallen.

Du wurdest mir gegeben, ohne daß du mich kann­test, weil dein Oheim, in dessen Hause du dich seit dem Tode deiner Eltern aufhieltest, fürchtete, daß deine Schön- heil der Verheirathung seiner eigenen Töchter im Wege stehen möchte, die alle drei häßlich waren ich heira­tete dich, weil mein Vater mir bewies, wie angenehm das sei, wenn deine Güter, die überall die unserigen begrânzten und durchschnitten, auch in unsere Hände kamen. Wir liebten unS damals nicht und das ist doch immer so geblieben.

Lieber Birkhosen, habe ich dich beleidigt, oder...

Nein, nein, ich wollte nur die Sache vor deinen Augen klar machen.

Das war nicht nöthig, lieber Freund, ich bin über unser Verhältniß vollkommen im Klaren, aber auch im Reinen, und eS thut mir leid, daß ich an deinem Eifer kihe, daß das bei dir nicht der Fall ist und du es viel- leicht noch immer bereuest, deinem Vater gefolgt zu sein.

Nein, nein, liebe Frau, durchaus nichts Du hast mich nie unglücklich gemacht, wenn auch unsere sehr ver­schiedenen Charaktere und Lebensauffassungen...

So sage mir, waS du willst, lieber Mar.

Also bis jetzt habe ich nicht bereut! Aber plötzlich kommt mir der Gedanke, es könnte für mich doch noch ein höheres Glück, als an deiner Seite, geben. Ich bin der Letzte meines Namens wir haben keine Kinder wir sind beide Protestanten.

Wenn du dich deßhalb zum zweiten Male vermählen lassen willst, so finde ich das sehr begreiflich, sagte ruhig und kalt Adeline.

Nicht deßhalb, fuhr immer stockender und verlegener der Baron fort. Nicht blos deßhalb. Ich habe auch ein Wesen kennen gelernt, dessen ganze Richtung so sehr mit der meinigen stimmt . . .

Welche Richtung ist denn daö, um Vergebung? fragte mit anscheinender Blödigkeit, aber tief versteckter, grenzenloser Ironie die Frau.

Die Richtung einer einfach natürlichen Weltanschau­ung. Keine Firlefanzereien, die man Kunst, Wissenschaft, Literatur und Politik tzu nennen pflegt, sollen unS den Genuß deS Einzigen verkümmern, wofür jeder vernünftige Mensch leben soll die Natur.

Birkhofen zog sein Schnupftuch heraus und wischte sich den Schweiß ab. Eine so lange zusammenhängende Rede hatte er in seinem ganzen Leben noch niemals ge­halten.

Adeline preßte ihre Augenlider etwas zusammen sie war erschüttert von der Absicht ihres Mannes, und doch war er ihr so gleichgültig sie mußte sich aber doch erst in sich zurecht finden!

Soll ich dir meine Wahl nennen? Du bist die Erste, die sie erfährt.