Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1851. — JV» 264
Die Feldblume.
(Fortsetzung.)
Es ist nicht mehr viel zu erzählen. DaS fünfte Geschöpf war unbeschreiblich rührend in ihrer Bewunderung teS ersten Bildes, daS sie in ihrem Leben sah. Ueber die großen Häuser und die schönen Läden sei sie nicht viel verwundert gewesen, sagte sie mir, daS habe sie sich nach den Erzählungen all eher noch schöner gedacht; aber daß man so malen könne, habe sie nie geglaubt. Ich weiß nicht, rief sie auS, was ich lieber habe, die Mutter oder das Sind! Sehen Sie nur feine süßen, kleinen Füße, das blonde Köpfchen! Ach, welch ein reizendes Kind! Und die arme, unschuldige Mutter, die auch noch auS- steht, als wäre sie ein junges Mädchen — der muß ja der liebe Gott helfen, solch ein lieblich Geschöpf kann er ja nicht im Elende vergehen, nicht ihr Kind verhungern scheu lassen, für die müssen ja die Engel im Himmel Fürbitte leisten! Und dabei rollten ihr die Thränen über die Wangen.
Ich kenne daS Mädchen gar nicht so gesprächig, sagte Adeline, Sie müssen sie besonders begeistert haben.
Ich nicht, daS Bild hat sie begeistert. Aber Sie glauben nicht, wie wohl mir diese frische, uncultivirte Bewunderung gethan hat. Unsere jungen Damen sind â so grenzenlos wohl erzogen!
Ich wollte, das wäre wahr! sagte lächelnd Adeline.
Das heißt, was Sie wohl erzogen nennen.
Ich danke für das Kompliment.
Sie verstehen recht gut, was ich sagen will. Unsere Damen find alle ohne Ausnahme des Glaubens, daß ">an einem Kunstwerk gegenüber seine Bildung durch Tadel an den Tag lege.
Sind unsere Herren daS nicht auch.
Die dürfen eS sein. Ein Mann kann doch tüchtig, ein Mann im ganzen Sinne sein, ohne zu bewundern, ohne sich zu begeistern und ohne zu lieben. Er braucht nur gerecht zu sein in der Anerkennung — aber eine Frau, ein Weib ist eine Mißgeburt, wenn sie nicht ein Uebermaß von Liebe und blindem Enthusiasmus besitzt.
Daß den Männern die Frauen so mehr conveni- ren, begreife ich, sagte lachend Adeline, eS ist so unendlich viel bequemer.
Nein, nein, gnädige Frau, lachen Sie nicht. Ich bin im vollen Ernst. Ohne Begeisterung und ohne Liebe kann eine Frau im ganzen Sinne dcS Wortes« nicht liebenswürdig sein, und daS ist ihre erste Haupteigenfchafl, ohne das ist sie nichts — aber ein Mann braucht nicht liebenswürdig zu sein.
Von dieser Theorie find alle Herren unseres CirkelS ganz und gar durchdrungen, und ich mache Ihnen mein Kompliment, wenn Sie diese gelehrigen Schüler gebildet haben!
Ich sammle glühende Kohlen auf Ihr Haupt, indem ich Ihnen sage, daß Sie liebenswürdig sind!
Wie kann man einer Frau so etwas inö Gesicht sagen! Pfui, Baron Kempten!
Weil eS doppelt merkwürdig'ist, daß Sie so liebenswürdig sind, da Sic nun die Hälfte der dazu nöthigen Eigenschaften besitzen — nämlich den blinden Enthusiasmus für Dinge —, aber der Liebe für Menschen ganz unzugänglich sind.
Glauben Sie das im Ernste, Kempten? fragte Adeline, indem sie ihre schönen braunen Augen voll und klar auf ihn richtete.
Er litt unter diesem Blick, öfter er sagte doch mit dem Ton der festen Ueberzeugung: Seit zehn Jahren beweisen Sie mir eS.