Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
4 -
1851
M 863
Die Feldblume.
i (Fortsetzung.)
Mit Thränen in den Augen, mit zitternden Händen brachte das arme Kind seine Fähnchen zur Ansicht — und nicht ein einziges wurde angenommen.
Davon können Sie gar nichts brauchen, sagte be- «stimmt, aber doch freundlich die Baronin. Diese kurzen und engen Röcke machen eine lächerliche Figur aus Ihnen — und wie kurz sind die Taillen, Sie würden Sich ja förmlich entstellen!
Ich bin so rasch gewachsen...
Schon gut, ich begreife daS. Diese Kleider packen Eie alle ein und schicken sie Ihren Schwestern. Wir besorgen Ihnen neue, die Ihnen besser stehen sollen.
Louise sagte nichts, aber Frau von Birkhofen sah, daß daS junge Mädchen Trauer und keine Freude über diesen Wechsel ihrer Garderobe empfand, und schätzte sie deßhalb höher, als sie Anfangs zu thun geneigt ge- wesen.
Drei Tage später kam Kempten wieder heraus. Gr trat mit den Worten bei seiner Freundin ein: Hat Ihnen die Kleine unsere Begegnung erzählt?
Welche Kleine?
Nun, Ihre neue Gesellschafterin.
Wo sind Sie mit ihr zusammengetroffen?
Vorgestern in der Stadt.
Davon weiß ich keine Sylbe, auch Marianne Air nichts davon gesagt.
hat
3a, der hatte ich's verboten, weil ich es Ihnen selbst "zählen wollte.
Das ist sonderbar! Nun, so erzählen Sie mir.
Ich ging in einen Quincaillerie-Laden, nm mir ein Paar Sporen zu kaufen, als ich ein junges Mädchen
eintreten sah. Sie fiel mir auf durch ihre Schönheit. Diese große, volle Gestalt, diese dunkeln, üppigen Haare, der frische Mund, die leuchtenden, jungen Augen, eS war eine (Zentifolie in ihrer vollen Pracht!
War aber nicht die (Zentifolie gekleidet, als wäre sie eine Feldblume?
Das fiel mir nicht auf, sie hatte einen einfachen Strohut auf und einen bescheidenen schwarzen Ueb.r- wurf. . .
Da war sie schon halb metarmophosirt, sagte lächelnd Adeline; sie kam schon von der Putzmacherin!
DaS kann sein, aber sie sah hübsch aus. Sie verlangte mit klangreicher Stimme eine einfache Gürtelschnalle. Aber eine ganz einfache, sagte sie eindringlich, nur von Stahl!
Und das rührte Sie! sagte ironisch Adeline; o leicht gerührtes Männerherz!
Sassen Sie mich nur weiter erzählen. Ich erblickte nämlich hinter der jungen (Zentifolie Ihre alte Haushälterin und errieth so, wer die Unbekannte sei. Ich stellte mich ihr nun vor als einen Freund ZhreS Hauses.
Wirklich! gar nicht als Mädchen . . .
DaS bin
sagte Adeline überrascht; ich kannte Sie so zuvorkommend gegen ein wildfremdes
ich auch außerdem nicht — aber erstens
war mir daS Mädchen nicht wildfremd, denn sie gehörte zu Ihrem Haufe, und zweitens hatte ich einen Einfall, den ich befriedigen mußte.
Offenes >Geständniß!
Warum denn nicht? Ich war nämlich im Begriff, auf die Ausstellung zu gehen, um daS schöne Bild Steinle'S zu sehen, und eS fiel mir ein, das junge Mädchen, das nach Ihre Schilderung noch wohl nie ein großes mover- ! neS Bild gesehen, dorthin mitjunel)men. Ich schlug eS ihr vor, sie sah ängstlich zu der Haushälterin hinüber;