Der Wanderer.
■a wem st---
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — S61
Die Feldblume.
Novell e.*)
Die Baronin von Birkhofen hatte heule eine ziem' lich große Gesellschaft auf ihrem Landgute um sich m> sammelt. ES waren meistens Männer, Gutsbesitzer auS der Umgegend oder Herren aus der Stadt, die zum Besuche herausgekommen waren. Frau von Birkhosen machte, ; wie immer, auf die liebenswürdigste Weise die Honneurs ihres Hauses. Sie war eine schöne Frau im Anfänge der Dreißig. Eine außerordentlich schlanke Gestalt, ein schmales, seines Gesicht und prachtvolle blonde Haare, dabei eine ganz exclusiv aristokratische Haltung waren die Vorzüge ihrer äußeren Erscheinung für die große Welt.
Für ihre näheren Bekannten besaß sie noch den großen Reiz einer höchst sorgfältigen Erziehung und Bildung und , mehrerer sehr hervorragenden Talente. Sie war an einen ; Mann verheirathet, der sie, wie die Welt sagte, durchaus nicht zu schätzen wußte. Er war ein Landjunker im ganzen Sinne des Wortes, gutmüthig, freundschaftlich, brav und ehrlich, dabei voll natürlichen Verstandes, aber behaftet mit einer Scheu vor allen Dingen, die mit Aesthetik, oder Schöngeisterei, oder Bildung, oder Kunstliebe iusammenhangen; dennoch störte er nicht seine Frau, die hauptsächlich in diesen Regionen lebte und webte. Den: Sommer ging sie mit ihm auf das Land , den Winter | « mit ihr in die Stadt, wo denn Pferde und Jagden und auch wohl noch das Lustspiel ihn für seine geopferten Landsreuden entschädigten. ES herrschte zwischen beiden Gatten ein durchaus guter Ton, aber im Grunde waren sie sich wildfremd. Keines liebte daS Andere, aber ite fühlten auch nicht die leiseste Antipathie gegen ein- nnder, und das ist schon viel in einer Ehre, die nur die ^onvenienz und der entschiedene Wille der Verwandten
*) Ans dem Feuilleton der Kölner Ztg.
geschlossen. Die Ehe war kinderlos; die Gatten sahen sich äußerst selten, da jeder allein frühstückte und nur der späte MiltagStisch sie vereinte, wo denn gewöhnlich Gäste jedes téte â téte fern hielten.
DaS Leben Adelinens, so hieß die Baronin, war übrigens nicht ohne Roman — eS hatte ein Mann sie glühend geliebt, undjzwarein Höch interessanter und bedeutender Mann , ein Mann , der in seinem Wesen die Eigenschaften der alten Troubadoure mit den der modernen Poeten vereinigte, ein ächter Cavalier und ein ächter Dichter (obgleich nie eine Zeile von ihm gedruckt worden), und dennoch wußte Niemand, ob Adeline ihn wieder geliebt, nicht einmal er selbst!
Seit zehn Jahren war er nun ihr Freund, ihr Anbeter, ihr Begleiter, aber ihr Benehmen war so musterhaft, ihre Haltung ihm gegenüber so gemessen, daß Niemand i h r einen Vorwurf anS diesem Verhältniß machte, sondern die Welt höchstens üb.r Baron Kempten'S ante- diluvianische und höchst langweilige Treue spottete.
ES wäre lächerlich, zu behaupten, daß er nach zehnjähriger Entsagung noch immer sterblich in Adeline verliebt gewesen sei; aber gewiß ist, daß er sie noch immer liebte. Wo sie war, schien eS ihm unmöglich, einen anderen Platz als den neben ihr einzunehmen, dann aber war er freilich fähig, auch die übrigen Frauen zu beachten und zu würdigen. Doch nie hatte er, seitdem er öffentlich und'ohne Scheu die Farben Adelinens trug, einer anderen Dame den Hof gemacht — seine Treue war mackellos.
Adeline, obgleich sie immer feine stürmischen LiebeS- auSbrüche zurückgewiesen und unerschütterliche Tugend und Ruhe ihnen entgegengesetzt, hatte sich dennoch an seine Liebe und Verehrung so sehr gewöhnt, daß ihr nie der Gedanke kam, daS könne anders sein, und dennoch, wäre er kein Dichter gewesen, sie hätte ihn schon sich von ihr