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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ 257.

Das Fest in Peterhof.

(Fortsetzung.)

Die vier jungen Männer traten schnell heran, stell« ten sich um daS Bett herum, entfernten die Hände ihrer Schwester von ihrem Gesicht, welches sie bei ihrem Ein­tritt schnell zu verbergen gesucht hatte, und während je« der nach der Reihe einen Kuß aus ihre erröthende Wange ' drückte, sagten die drei Aeltesten zu ihr:

Elisabeth Mikailowna (Tochter Michael'S), sei gutes Muthes, die Beleidigung, die Dir widerfahren, soll gerächt werden"!

Aber Iwan, der jüngste Bruder, den sie am Meisten liebte, denn er war der Gefährte ihrer kindischen Spiele gewesen und war schön wie sie selbst und nur drei Jahre älter, flüsterte, indem er ihr zärtlich die Thränen von den Augen küßte: .

Elisabeth Duschinka (meine kleine Seele), weine' nicht mehr! Du sollst getröstet werden".

Und Elisabeth warf sich an seine Brust und mur- ; titelte : O, Iwan, mein Bruder, thue ihm nichts zu ; Leide"! j

Als die Brüder ihre Schwester wieder verlassen hat­ten, machten sie unter einander aus, daß einer voni ihnen sofort nach Moskau gehen sollte, um den Grafen, 31 wegen seiner Wortbrüchigkett zur Rede zu stellen, und eS entstand nun ein freundschaftlicher Streit unter; ihnen, wer von sämmtlichen vier mit dieser Mission be- auftragt werden sollte, da der Aelteste daS Recht deS; Erstgebornen geltend machte, die Familie zu vertreten, . und die anderen diesen Beweisgrund eben so eifrig be« t stritten. Der Vater machte dem Wortwechsel ein Ende, i indem er entschied, daß sie loosen sollten. Im Falle der, welcher die erste Nummer zöge, im Zweikampfe mit; 31 fiele, sollte er durch Den ersetzt werden, der die

nächstfolgende Nummer gezogen, und so fort, bis der Graf seine Treulosigkeit mit seinem Leben bezahlt haben würde.

DaS LooS entschied, daß Iwan zuerst für die Ehre der Familie auftreten sollte, und noch ehe eine Stunde um war, flog er schon in einer Kibitke auf der Straße nach Moskau hin, nur von einem Diener des Generals begleitet, und mit dem Vorsay, Tag und Nacht die Rene fortzusetzen. Während dieser schnellen Reise hatte er voll« auf Zeit, über die sicherste Art und Weise nachzudenken, eine Zusammenkunft mit dem Grafen A herbeizufüh­ren, ohne daß Jemand anders, als er und sein Gegner Etwas davon ersühren. Denn da er die außerordentliche Strenge kannte, mit welcher der Zweikampf nach den russischen Gesetzen bestraft wird, so war er überzeugt, daß deS Grafen Familie, sobald sie von der Absicht, die ihn nach Moskau geführt, Kenntniß erhielte, kein Be­denken tragen würde, den Zweikampf zu verhindern und den Herausforderer verhaften zu lassen. Er mußte daher seine Maßregeln mit der größten Vorsicht treffen, und war noch nicht mit sich einig, ob es räthlicher sei, nach seiner Ankunft an den Grafen A zu schreiben oder so­fort eine mündliche Unterredung mit ihm aufzusuchen, als die prachtvollen Thürme und Kuppeln Moskaus in ihrem bunten Glanze mit goldenen Sternen untermischt vor sei­nen Augen emporstiegen.

Der Zufall, welcher bestimmt hatte, daß Iwan P der Vertheidiger der Ehre seiner Schwester würde, kam ihm abermals zu Hilfe und entschied gleich bei seinem Eintritte in die Stadt die Frage, die ihn auf der ganzen Reise beunruhigt hatte. Er hatte den Grafen A nie­mals gesehen, aber die Briese Elisabeths waren während der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Wladikawkas mit Beschreibungen ihres jungen vornehmen Lehrers angefüllt gewesen und sie hatte unter andern eine persönliche Eigen-