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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitung.

1851. 856.

Das Fest in Peterhof.

(Fortsetzung.)

Die Zeit verging, und da die zwei dem Grafen A zugesprochenen Jahre der Verbannung abgelaufen waren, so schickte er sich an, von Wladikawkas nach'MoSkau ab­zureisen, da ihm erlaubt worden war, daselbst seine Mutter zu besuchen, ehe er wieder in Petersburg seinen Militärdienst annâhme. Elisabeth'S Verzweiflung bei dieser Trennung würde ihr Geheimniß verrathen haben, wenn A sie nicht dadurch beschwichtigt hätte, daß er ihr sagte, er reise blos deßhalb nach Moskau, um die Einwilligung feiner Mutter zu seiner Verheirachung zu erbitten,' und er werde augenblicklich, sobald er dieselbe erhalten, nach dem Kaukasus zurückkehren und förmlich bei dem General um die Hand seiner Tochter anhalten. Auch war dies keine überlegte Täuschung von seiner Seite, denn er ver­ließ sie mit der festen Absicht, sie bald als seine Bram in Anspruch zu nehmen, und liebte sie genug, um dieses Ereigniß eben so sehnlich herbeizuwünschen als sie. Un­glücklicherweise war sein EH racter von der Art, daß er Itch sehr leicht von seiner Umgebung bestimmen ließ, und seine besten Absichten wichen oft vor dem Einflüsse neuer Eindrücke, so daß er, als er einmal Elisabeth'S Zauber­kreise entrückt war, durch irdische Rücksichten die ehren- Werthen Gesinnungen verdrängen ließ, mit denen er Wla­dikawkas verlassen, und sich in die Zerstreuungen Mos­kaus mit einer Begier stürzte: welche durch seine zwei jährige Verbannung nur noch mehr erhöht worden war.

Er hatte allerdings keine Zeit verloren, mit feiner Mutter eine Unterredung anzuknüpfen, welche zur Erfül­lung des Elisabeth gegebenen Versprechens führen sollte; aber seine Wünsche hatten den unbedingten Widerstand von Seiten seiner Mutter gefunden, während dieselbe iugleich ihm in allen anderen Dingen seinen Willen auf

eine Weise ließ, die darauf berechnet war, ihr das größte Uebergewicht über ihn zu geben. Von Tag zu Tag ward ein neuer Genuß für ihn auSgesonnen, und so wie ein ! Tag nach dem andern ve-floß, ward die Erinnerung an die patriarchische Wohnung, die noch vor so kurzer Zeit : alle seine Hoffnungen und Wünsche eingeschlossen, ward daS liebliche Bild deS Harrenden und nur allzu vertrauen* ! den Wesens, welches Ehre und Glück in seine Hände gc- i legt, immer schwächer und seltener, während die Reize ; einer gewissen jungen Fürstin Olga D, einer schönen ' und reichen Erbin, welche seine Mutter schon längst zur künftigen Gattin ihres Sohnes auSersehen, daS Andenken i an daS Haus des alten Kosaken endlich ganz in den Hin- ; tergrund treten ließen.

; Mittlerweile wartete Elisabeth vertrauensvoll auf die i Erfüllung der Versprechungen ihres Geliebten; aber Wo- chen und Monate vergingen und er ließ nichts von sich - hören. Eine merkliche Veränderung war jn der äußeren . Erscheinung deS jungen Mädchens vorgegangen; ihre Heiterkeit war gänzlich entschwunden, und eS war offen- : bar, daß irgend ein Leiv an ihr nagte, obschon niemals ; eine Klage über ihre Lippen kam. Der General kam, i durch diese beruhigenden Anzeichen erschreckt, deren An, ! fang, wie er jetzt wohl berechnete, von der Abreise deS : Grafen A anhub, zu spät auf die Vermuthung, daß j daS Herz der Sitz dieser Krankheit sei, und nahm seine Tochter ost inS Verhör. Eine Zeil lang entzog sich Eli­sabeth seinen Bemühungen, ihr die Wahrheit zu entlocken; . endlich aber entschwand alle Hoffnung, daß ihr Geliebter noch die Absicht habe, ehrlich an ihr zu handeln, und

; da sie fühlte, daß ein ferneres Verschweigen bald unmög- j lich sein würde; so warf sie sich verzweifelnd zu den- i ßen deS Vaters und enthüllte ihm, daß Graf A ihr i die Ehe versprochen und sie verführt habe und daß sie sich Mutter fühle.