Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

: Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung. / ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

' 1851. ^ S5S

) ---------- E1M i

Das Fest in Peterhof.

(Fortsetzung.)

Der Anblick, den diese glänzende Versammlung in diesen vergoldeten Sälen unter einem Lichlmeer, wie ich [ es noch nie gesehen, varbot, läßt sich nicht beschreiben, t Ein in jedem Saale aufgestelltes Militâr-Musik-CorpS ' führt jene russischen National-Melodien auf, die so wild 6 und wehmüthig klingen, daß sie daS Herz mit Wehmuch erfüllen; plötzlich aber stimmten sämmtliche CorpS, auf t ein gegebenes Signal, einen prachtvollen Marsch an, n während gleichzeitig die Flügelthüren am oberen Ende veS 8 SaaleS aufgeworfen wurden, und die kaiserliche Familie * trat, von dem Hofe, den StaatSministern und den frem«

6 den Gesandten gefolgt, herein, und durchschritt nach dem Tacte einer schönen Polonaise die Gemächer.

8 Zuerst kam ver Kaiser, welcher die Prinzessin Fried« " rich von Oranien (die Schwester deS Kaisers) führte; J dann folgte die Kaiserin, von ihrem ältesten Sohne, dem ir jungen Czarewitsch geführt; darauf kamen die jungen Großfürstinen Paar und Paar mit dem Prinzen von i! Oranien, dem Herzoge von Nassau und dem Her- We von Oldenburg; die Fürsten des Reichs, die Staats« minister und die Gesandten mit ihrem Gefolge, jeder eine ' Dame führend, machten den Beschluß deS glänzenden Cortège. Als der Kaiser vortrat, hob er mit unver­gleichlich würdevoller Gebärde die Hand empor, und die Menge trat ehrerbietig zurück, so daß hinreichender Raum ; jur die Proccssion entstand. Er trug die scharlachrothe Uniform deS Garde-Reiter-RegimentS der Kaiserin, ebenso ) wie sein Sohn, der Czarewitsch, und sein Neffe, der Herzog von Oldenburg. Der Kaiser Nikolaus stand da«

- £ Mais in seinem vierzigsten Jahre und im Zenilh seiner unvergleichlichen Schönheit. Von Natur so hoch gewach» , sin, daß er all? überragte, die sich in seiner Nähe be­

fanden , verband er mit dieser imposanten Körpergröße ein Ebenmaß des Wuchses und eine anmuthige Haltung, die selten zu den Eigenschaften sehr langer Leute gehören. Sein Gesicht war ebenso tadellos und imposant wie seine Gestalt; seine Züge zeigten jene reine Form, welche die Bildhauer deS alten Griechenlands ihren marmornen Göt­tern zu geben liebten; der Ausdruck des Gesichtes war geistreich, verrieth aber, eben so wie jene alten Mei­sterwerke, keine Spur menschlicher Schwäche oder Leiden­schaft, sondern nichts als in ihrer eigenen Macht sichere moralische Kraft. Die ganze Person jdeâ Kaisers stellte das vollkommenste Urbild eines königlichen HerscherS vor; ohne einen Schatten von Stolz auf seiner Stirn, gab er sich doch Jedem als ein Wesen kund, das zum Befehlen geboren, und jede Gebärde war von einer natürlichen Würde durchdrungen, die den oberflächlichen Beobachter, selbst wenn er ihn nicht gekannt, zu dem AuSrufe bewo- haben würde: Welch ein königlicher Mann!

Die Kaiserin Alexandra war, obschon jfie nicht die bezaubernde Schönheit ihrer Mutterj, der berühmten Kö­nigin Louise von Preußen, geerbt hat, doch anziehend ge­nug, um die Bewunverung zu rechtfertigen , welche ihren Tritten folgte. Ihr Antlitz war angenehm und interes­sant, ihre Gestalt schön, und ihr ganzes Aeußere stattlich und elegant. Schon damals erschien ihr Antlitz weniger jugendlich, a!S das deS kaiserlichen Gemahls; denn die Nervenleiden, welche später ihre einst so liebliche Gestalt zu einem bloßen Schattenbilde abgezehrt haben, verriethen sich zuweilen in einem schmerzlichen Zucken deS MundeS und einem leichten Zittern deS Kopfes, und ein Ausdruck der sich am Besten durch die französische Bezeichnung Fair fatiguè beschreiben läßt, schien der Vorläufer deS frühzeitigen HinwelkenS, welches sie später ereilt hat. (Diese Leiden hatten ihren Grund in der furchtbaren Ge- müthSerschütterung, welche die Kaiserin während der Em«