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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nasiauischen Allgem. Zeitung.

1851. M S51

Das Fest in Peterhof.

Von Fr. Graf v. Bülow.*)

Vielleicht bietet sich dem Fremden in Rußland kein großartigeres und auffälligeres Schauspiel bar, als das Fest, welches der Kaiser alljährlich in dem kaiserlichen Palaste zu Peterhof am 1. Juni, alten StylS, zu Ehren des Geburtstags seiner Gemahlin, der Kaiserin Alcrandia, gibt. Dieses Fest unterscheidet sich gänzlich von allen Hoffesten in allen anderen Theilen der Welt, weil eS Individuen aus allen Classen unv Nationendes ungeheueren russischen Reiches einschließt, und einem AuSlänber, der zum ersten Male Zutritt zu dem Feste in Peterhof hat, könnte, wenn er die bunte Menge anschaut, die sich in den Sälen und Gärten durcheinander drängt, wohl der augenblickliche Irrthum verziehen werden, daß er glaubte, er sei ein Gast in derbesten Republik", anstatt der deS absolute­sten aller Autokraten so groß ist die Vermischung aller Kasten, vom Souverän an bis zum Leibeigenen, die sich hier dem Auge darbietet.

Man hat jedoch eine Demarkationslinie gezogen, um jede unbequeme Berührung deS -Pöbels mit den höheren Classen zu vermeiden; denn während das gemeine Volk ohne Unterschied in den Garten zugelaffen wird, bleibt das Innere des Palastes dem Hofe und den eingeladenen Gästen der kaiserlichen Familie Vorbehalten, welche aus sämmtlichen Mitgliedern ver in der Hauptstadt versammel­ten russischen Aristokratie, den hohen öffentlichen Beamten, dem diplomatischen CorpS u. s. w. bestehen. Da die Ge­sandten der auswärtigen Mächte das Vorrecht haben, Einlaßkarten zu dem Feste in Peterhof an diejenigen von lhren reifenden Landsleuten zu »ertheilen, die geignet unv

*) Aus:Epheu, Lilien und Rosen. Festgeschenk auf das Jahr 1851", Grimma und Leipzig, Verlags-Comptoir.

würdig sind, einen Theil dieser glänzenden Versammlung zu bilden, so ist auch allemal eine nicht unbeträchtliche Anzahl ausländischer Gesichter und ausländischer Unifor­men unter der unendlichen Mannichfaltigkeit der Costüme zu bemerken, die den Unterthanen deS CzaarS eigenthüm­lich sind. Obschon das Fest den Namen eines Masken­balls führt, so werden doch keine Masken getragen, so wie auch eigentlich kein Tanz stattfindet, die einzige Aehn- lichkeit mit einer Maskerade besteht darin, daß jeder Herr, der in dem Innern deS Palastes Zutritt hat, verbunden ist, einen schwarzen Domino auf dem Arme zu tragen, zum Zeichen, daß er eingeladen ist.

Als ich vor einigen Jahren in Rußland war, schätzte ich mich ganz besonders glücklich, daß ich gerade zeitig genug in Petersburg eintraf, um dem Feste in Peterhof beiwohnen zu können. Der preußische Geschäftsträger

* hatte mir und meiner Gesellschaft Einlaßkarten verschafft, und ich benutzte gern seine höfliche Aufmerksamkeit, um diesem ohne Ausnahme merkwürdigsten und interessan­testen aller russischen Feste beizuwohnen. Der Palast Pe, terhof, einst die LieblingSresideuz des unglücklichen Kai- [ ferS Peter *) liegt am Ufer des Finnischen Meerbusens, ungefähr 10 Stunden von Petersburg, und hat wegen seiner Gärten und Wasserleitungen den Beinamen deS Versailles deS Nordens" erhalten. Man kann von Pe­tersburg aus sowohl zu Lande als zur See dahin ge­gangen ; da der letztere Weg nicht der schnellste, sondern i-----

> *) Peter III, Enkel Peter's des Großen von dessen älterer Tochter, der Herzogin von Holstein Gottorp, geboren zu Kiel den 21. Februar 1721, ward 1762 Kaiser von Rußland. Eine Ver­schwörung, an der feine Gemahlin, Sophie Auguste, Prinzessin von Anhalt-Zerbst, Theil nahm, stürzte ihn den 9. Juli 176L vom Throne; am 17. Juli desselben Jahres ward er auf grau­same Art im Gefängnisse ermordet. Seine Gemahlin, die ihren Tausnamen geändert, bestieg als Chatarina II. den rus­sischen Thron.