Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M S50
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Schluß.)
DaS Geräusch mehrerer Stimmen ertönte auf der Treppe, aus denen er Ernestine und Marcell Herauszu- hören glaubte. Bald konnte er nicht mehr zweifeln, er verstand schon Worte, eS war ein Streit zwischen dem jungen Mann und der Baronin. AlSbald 'erschienen Beide. Martell zog seine Stiefmutter mit sich fort, die sich vergeblich anstrengte zu widerstehen. Hinter ihnen kamen Rene und Gabriele.
Der Sohn deS Barons war durch den Ritt erhitzt, die Haare hingen ihm verwirrt, Staub bedeckte seine Kleider, mit zitternder Stimme rief er: „Sie werden mir folgen, Mutter! ES muß sein, ich will eS".
Der Baron erhob sich; bei seinem Anblick blieben Alle stehen.
„Ich bin eS, Vater", sagte Marcell mit Heftigkeit, „ich, der ich Herrn von Storniere überredete, mit mir umzukehren, um meinen letzten Versuch zu machen, und der ich unterwegs auf einen Wagen stoße, der die Baronin und Gabrielen wegführt".
„Und Du hast ihnen den Weg versperrt, junger Mensch"? fragte der Admiral.
„Weil ihre Abreise unmöglich ist"! rief Marcell, „weil ich eS nicht zugeben werde"!
Herr von Rostang bebte.
„Ach, ich weiß zwar nicht, waS hier vorgefallen ist", fuhr der junge Mann fort mit einem Gemisch von Weichheit und Trotz, „ich kenne nicht die schmerzlichen Kämpfe, die einen solchen Entschluß hervorbringen konnten, ich weiß nur, daß dies meine Schwester, und dies meine Mutter ist"! Bei diesen Worten hatte er seine Arme um
beide geschlungen. — „Sie haben eS selbst gesagt, Ad, miral! Sie sind mir Mutter und Schwester durch ihre Liebe, und ich schwöre hier vor Gott, daß Nichts auf der Welt mich von ihnen trennen soll"!
„Marcell, und ich beschwöre Sie"! unterbrach ihn die Baronin und legte ihm die Hand auf den Mund. Alle bis auf Marcell bückten sich scheu vor dem Admiral. Aber kein Zeichen von Zorn war bei Diesem zu bemerken.
„Lassen Sie ihn Madame"! sagte der Alte ruhig. Er ging auf seinen Sohn und reichte ihm die Hand. „Recht so Marcell" I fuhr er fort, „Du hast ein Herz, Junge, ich bin zufrieden mit Dir"!
„So sollen sie nicht abreifen, nicht wahr, Admiral" ? fragte der junge Mann mit Bangigkeit.
Der Baron zögerte; endlich murmelte er leise: „Sie mögen bleiben — wenn sie eS selbst wünschen" !
Die beiden Frauen rangen die Hände, ohne ein Wort hervorbringen zu können.
„Ach, haben Sie Dank, mein Vater"! rief Marcell und preßte den Admiral in seine Arme, „aber damit unser Glück vollkommen wird, muß diese Heirath —"
Ernestine und Gabriele zitterten, der Admiral sah Ernestine sest an. „Ich hatte so eben ein Gespräch mit Meister Bouvard", sagte er, zwischen jedem Worte inne# haltend, „und da ich von ihm höre, daß Herr von Rene mit der Familie Ramière gar keine Blutverwandschaft hat, .sondern nur der Adoptivsohn des Capitäns ist —"
Mutter und Tochter stießen einen Schrei aus, der aus tiefster Seele kam. Sie drehten sich zu gleicher Zeit nach Nene um. Dieser bestätigte die Aussage des Admirals. —
„Obwohl diese Verbindung die Pläne der Baronin stört", fuhr der Seemann fort, „und Gabriele sie aus Gehorsam für ihre Mutter auSgeschlagen hat, so hoffe ich doch, Diese wird unserm gemeinsamen Bitten nicht