Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851.
JVi 248
Jugendsünden.
Novelle nach (5. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Der Matrose hatte mit wachsender Aufregung zugehört; nach den letzten Worten stieß er einen Schrei aus. „Also ist eS wahr? Admiral ! ist Alles vorbei"? sagte er.
„Du hast das Siegel gesehen", antwortete der Baron.
Duret griff sich mit beiden Händen an die Slirn. „Unglückliche", murmelte er, „von mir verstoßen und noch im Tode für mich betend"! — Dann von plötzlicher Verzweiflung erfaßt, rief er: „Ach, eS ist gar nicht an ihr, um Verzeihung zu bitten" !
„WaS willst Du damit sagen"? erwiederte der Admiral. —
„Nein"! rief Georg, „eS ist an mir, ja an mir, der ich ungerecht und herzlos war, der ich mich wie ein Schuft betragen habe" !
„Du vergißt ja ganz, waS sie verbrochen hat"! unterbrach ihn der Baron.
„Aber ich, ich"! erwiederte Duret, verließ ich sie nicht, um Ihnen zu folgen? Führte ich nicht, während sie allein blieb, ein Heivenleben" ?
„Du? Das ist ein Unterschied".
„Und warum denn" ?
„Nun, Teufel! Du weißt eS wohl! weil — weil daö — ganz waS Anderes ist"!
„DaS heißt, wir Männer stellen für die Frauen Grundsätze auf unter der Bedingung, daß wir sie nicht zu befolgen brauchen" ! rief der Mairose. „So lange wir jung sind, Admiral, leben wir wie die Wilden; dann, wenn wir genug haben, machen wir eS, wie der Teufel,
: wenn er alt wird, und fangen an die Moral zu lieben, weil das dann Niemand genirt als die Andern"!
Herr von Rostang machte ein Zeichen der Ungeduld. „Nun, Du bist loll"! sagte er rauh.
„Nein", erwiederte Duret sich ermuihigcnd, ich bin gerecht! Wenn diese Frau ihre Pflichten vergessen hat; hab' ich sie etwa erfüllt? War ich da, um ihr zu rathen , und sie zu schützen? Hatte sie Ursache, mich zu lieben? Während langer zehn Jahre hatte ich sie vergessen, und I als ich nun wiederkam, hab' ich sie weggejagt; warum? ! — blos weil sie es, wie ich gemacht hatte. Nun, jetzt ! sage ich, daß ich verdient hatte, waS mir geschah, ja, z verdient, das ist die gerechte Strafe für Taugenichtse, wie wir sind, Admiral"!
„WaS sagst Du" ? rief der Admiral.
„Und Sie halten eS noch mehr verdient, als ich", «fügte Georg leidenschaftlich hinzu, „denn Sie haben noch i mehr verbrochen —"
„Genug davon" ! rief der Baron.
„Nein", schrie Duret, „wenn eS eine Gerechtigkeit ; gäbe, so müßten Sie auch — "
»Ich sage Dir, genug davon, Donner"! rief der Admiral außer sich. „Bei meiner Seele, der Narr macht mich toll! Als wenn sich das ähnlich wäre! Du begreifst also nicht, Du Dumkopf, daß Frauen Pflichten haben, die sie nicht vergessen dürfen".
„Während sie ruhig zuseben sollen, daß wir selbst sie | vergessen, wohl wahr" ! fügte Duret ironnch hinzu. „Man bestraft die armen Weiber für daS Unrecht, an dem wir Schuld sind! Wenn sie um Gnade buten, hallen wir das für Heuchelei; wenn sie vom Sterben reden, sagen wir, I daß sie lügen, bis zu dem Tag, wo eS sich endlich findet, s daß wir selbst gelogen haben. Dann sieht man ein, eS wäre besser gewesen, man hälle es nicht genauer genom«