Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1851. — ^ 245.
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Herr von Rostang, der gegen eine unwillkürliche Rührung kämpfte, trat zurück; das Blut stieg ihm in'S Gesicht. „Wie? Sie schlagen eö auS" ? rief er betroffen, „schlagen eS darum aus, weil meine Hand es Ihnen anbietet"?
„O, glauben Sie das nicht, mein Herr"!
„Sie wollen mir nicht verpflichtet sein! Ihre Uneigennützigkeit ist Nichts als Stolz und Haß"!
Mutter und Tochter wollten sich dagegen ereifern, aber er stieß, ohne auf sie zu hören, den Stuhl, auf dem er saß, heftig zurück und erhob sich.
„Gott straf mich! ich will Nichts mehr davon hören", rief er, „reisen Sie, Madame, mit Ihrer Tochter; ich will Sie nicht mehr sehen, Nichts mehr hören; gehen Sie zum Teufel, und kommen Sie mir nie mehr unter die Augen" !
Er hatte trotz der Einwendungen der beiven Frauen die Thüre erreicht, ging hinaus und warf sie mit Heftigkeit hinter sich zu.
Dieser letzte Streit richtete ihn vollends zu Grunde. Gegen seinen Willen von Ernestinen und besonders von j feeren Tochter durch die Erinnerung an die glücklichen I ©tunben, die sie ihm gewährt hatten, angezogen, hatte " sich so zu sagen durch den Gedanken, sie wenigstens durch Erkenntlichkeit an sich zu fesseln, wieder aufgerichtet. Wenn er fortfuhr, sein Vermögen mit ihnen zu theilen, wurde er ihnen nicht fremd; eS war dies ein Mittel, seinem Unwillen wie seiner unwillkürlichen Zärt- iichkeit zugleich zu genügen. Die Abweisung der Baronin zerriß dies letzte Band; sie zwang ihn zu einer gänzlichen Scheidung.
Er empfand solchen Zorn und solchen Schmerz, daß er sich wie gewöhnlich durch Heftigkeit Luft machte. Er stieg in den Garten hinab, wo der Gärtner herhalten mußte, ging in den Pferdestall und fand die Thiere schlecht versorgt, kehrte in'S Schloß zurück und schalt über Alles, jagte zwei bis drei Diener fort, und ging endlich wieder in sein Zimmer, wo er sich in seinen Lehnstuhl warf.
Unterdessen trafen die Baronin und Gabriele eilig Anstalten zur Abreise. Sie waren bald damit fertig und der Wagen fand sie bereit.
Als aber Gabriele aus dem Stall des Vorhofes das Gebell der Rüden hörte und den Postillon absteigen sah, wurde sie von einer Art Schwindel ergriffen. Bis jetzt waren die Ereignisse so rasch auf einander gefolgt, daß sie ihr wie Visionen erschienen waren. Von der einen Angst in die andere geschleudert , hatte daS junge Mädchen kaum Zeit gehabt, in ihrem Unglück Fuß zu fassen, und sich von dessen Wirklichkeit zu überzeugen. Immer blieb ihr noch im Grund der Seele eine leise Hoffnung; eS war ihr dunkel, als hätte sie einen bösen Traum, aus dem sie jeden Augenblick zu erwachen fürchtete. Der Anblick des Postwagens, der sie von Barville wegbringen sollte, zerstörte ihr diese Illusion. Zum ersten Mal begriff sie den vollen Umfang ihres Unglücks. Erst erstarrte sie davor; dann aber in einer Aufwallung rück- kehrenden Muthes, wie eS der Jugend eigen ist, wollte sie wenigstens die letzten Augenblicke benutzen, um alle dem Lebewohl zu sagen, waS bisher ihre Lebensfreude ausgemacht hatte.
Sie flog in den Garten hinab, durchlief die Alleen und grüßte mit Stimme und Blick Bäume, Sträucher und Blumen. Sie hielt an der Waldlichtung inne, wo Rene ihr daS Leben gerettet hatte, nahe an der Buchenhecke, wo ihr Begegnen eine Erklärung mit dem Admiral her-