Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1851. — ^F 243
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Diese Einzeinheiten wurden ihm ziemlich ^unwirsch vom Malrosen mitgetheilt, der eine sichtliche Unruhe nicht verbergen zu können schien. Der Notar versuchte ihn auszuforschen. Der Alte hatte selbst nur Vermuthungen; gestand jedoch, daß er glaube, eS habe zwischen dem Admiral und der Baronin Mißhelligkeiten gegeben. „Es habe einen Sturm gesetzt", wie er sich auSdrückte", und nach einigen Worten, die er mit Herrn Rene und Herrn Marcell gewechselt, glaube er, eS handele sich um Frâu- lein GabrielenS Heiralh; so viel er wisse, unterstütze der Baron die Ansprüche deS jungen AmericanerS, den Mutter und Tochter zurückwiesen".
Diese Einzeinheiten, die Duret nach und nach vorbrachte, hatten für Bouvard ein Interesse, daS jener schwerlich ahnte. „Teufel"! murmelte er, seinen klassischen Erinnerungen getreu; „de nostra re agitur! eS bandelt sich um meine Sache! — Mein guter Duret, ist es nicht möglich, Jemanden zu sehen"?
„Unmöglich" !
Der Notar rieb sich daS Kinn mit seinem Peitschenstiel. „Nun, dann werde ich morgen wiederkommen", sagte er nach einigem Zögern, und sprach dann weiter sich selbst: „Unterdessen schreibe ich Briefe. Wenn ich nicht angenommen werde, so muß meine Feder für mich sprechen. Wenn man nicht reden darf, so wird man sich schriftlich auöbrücken"!
Er grüßte Georg und stieg wieder in seinen Wagen, in seiner Zuversicht freilich etwas schwankend, doch entschlossen, sich bis zum Ende durchzukämpfen, wenn ihn auch AlleS verließe: „Etiam si omnes, ego non"!
Während diese Zwischenscene stattfand, hatte daS Hauptdrama, in welches wir die Leser einsührten, seins weitere Entwickelung. Der Gipfel der Verzweiflung war überstiegen; der Verlauf war still und ruhig geworden. Hinter seinem Riegel eingeschlossen, haltender Admiral selbst dem Matrosen zu öffnen verweigert, und dieser sah durch die Thürspalten, wie der alte Seemann beschäftigt war, Papiere zu ordnen und Briefe zu schreiben. Ernestine gab vor, schlafen zu wollen, um Gabriele zu bestimmen , sie allein zu lassen. Das junge Mädchen benutzte dies, um sich einzuschließen und ihren Thränen freien Lauf zu lassen.
So verging die Nacht für alle Drei in stummer Verzweiflung; für Georg in unruhiger Beklommenheit. Marcell war noch nicht wieder zurückgekehrt.
Gegen Morgen begab sich Ernestine, die ihren Schmerz erschöpft hatte, zu Gabrielen. Diese, vom vielen Weinen ermüdet, war endlich eingeschlafen. Auf daS Sopha hin- gestreckt und, dort vom Schlaf übermannt, fuhr sie im Traume fort zu schluchzen; einige frische Thränen glitten ihr über die Wangen. Ihre beiden Hände mit natürlicher Anmuth unter ihr Köpfchen gestützt, waren halb unter den herabhängenden Locken vergraben; ein nervöses Frösteln zuckte von Zeit zu Zeit über ihren müden Leib; ihre Mundwinkel verzogen sich dann und wann zu jenem schmerzlichen Zuge der Kinder, wenn sie ihre Thränen verschlucken wollen.
Die Baronin betrachtete lange Zeit daö unschuldige Geschöpf, daS dazu verurtheilt war, unter den Fehlern Anderer zu dulden. Ein Sonnenstrahl, der erst auf ihrem Haare spielte, drang bis zu ihren Augen und zwang sie, die Wimpern zu heben. Beim Anblick der Mutter lächelte sie matt und öffnete ihr die Arme. Ernestine setzte sich ihr zu Füßen und lehnte daS Haupt an ihren Busen.