Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ 841.

Jugendsünden.

Novelle nach C. Souvestre.

(Fortsetzung.)

GabrielenS Schrei wurde durch eine Art Gebrüll übertönt, das sich in der Thüre, die zu des BaronS Ge­mächern führt e, vernehmen ließ. Mutter und Tochter drehten sich zu gleicher Zeit um und waren wie vom Blitz ge­troffen. Der Admiral stand hinter ihnen; fein Stock war zur Erde gefallen; eine Hand vorstreckend, zerraufte er fein Haar mit der andern. Seine Augen in'S Weite starrend, sprühten Flammen.

Wie durch einen gemeinsamen unwillkürlichen Zug zusammengesührt, warfen sich die beiden Frauen einander in die Arme, sich fest umklammernd, wie wenn sie ge­meinsam den TodeSstreich empfangen sollten und wollten.

Der Admiral blieb unbeweglich. Während einiger Secunden hörte man Nichts als daS Stöhnen seines Athems ; endlich sagte er mit hohler Stimme wie zu sich selbst redend:Ich habe wohl gehört, ihr Bruder ! Ich wurde betrogen und sie glaubte, das würde un­gestraft hingehen können"!

Ach, meine Mutter, kommen Sie! rief Gabriele, die sie im ersten Entsetzen fortziehen wollte.

Sie soll nicht von der Stelle"! rief der Admiral mit fürchterlicher Stimme.

Die beiden Frauen wichen schaudernd zurück. Der alte Seemann ging langsamen, aber sicheren Schrittes auf sie zu und versperrte ihnen den Weg.

Was wollen Sie thun"? fragte das junge Mäd­chen, vor seinem Blick erzitternd.

Ich will eine Elende bestrafen für die Schande, die mir achtzehn Jahre hindurch als ein Glück unterschie­ben konnte! Ich will sie zur Rechenschaft ziehen über meinen Namen, den ich ihr zur Bewahrung gab, ich will meine Schande rächen"!

Und indem er ein Pistol, welches er bisher verbor­gen hielt, Hervorriß, schritt er auf die Baronin zu und rief:Auf die Kniee, Madame"!.

Schneller als ein Gedanke warf sich Gabriele vor ihre Mutter; aber Ernestine, bis dahin ganz geknickt, richtete sich 'auf.

WaS hast Du, meine Tochter"! sagte sie mit ruhigem Stolz.Fürchtest Du, der Admiral Rostang werde eine Frau ermorden"?

Der Admiral bebte zurück. Sie schob Gabrielen entschlossen zur Seite, ging einen Schritt auf ihn zu, sah ihm in'S Gesicht und sagte:Hier bin ich, mein Herr"!

Auf die Kniee nieder"! wiederholte der Baron mit einer Stimme, die vor Wuth erstickte.

Nein, nicht so"! erwiederte Ernestine mit Würde. Denn man kniet nur, wenn man um Mitleiden fleht, und ich hoffe und wünsche keines. Wenn ich zu Ihren Füßen liege, mein Herr, '.würden Sie sich vielleicht er­innern, was ich litt, noch ehe ich es verdiente, und waS ich seitdem gelitten habe. Ihre Großmuth könnte erwa- chen, und ich will sie nicht aufrufen. Auch werde ich mich nicht rechtfertigen, noch Sie anflehen; ich überliefere mich Ihnen; rächen Sie sich"!

Indem sie diese Worte sprach, näherte sie sich dem Admiral, der unwillkürlich zurückwich und zu zögern schien; dann warf er zornig seine Waffen von sich.

Ah, Sie treiben Mißbrauch mit meiner Schwäche, Madame"! schrie er dann mit krampfhaft geballten Hän­den.Sie überliefern sich meinem Zorne, um ihn zu entwaffnen! Gehen Sie! Lassen Sie mich, ich fühle, daß ich die Besinnung verliere, daß ich meiner selbst nicht mehr mächtig bin"!

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Gabriele er­griff seine beiden Hände mit dem Ausruf des Dankes,