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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. â 240.

Jugendsünden.

Novelle nach C. S o u v e 'st r e.

(Fortsetzung.)

Ernestine erreichte ihren Stuhl, indem sie sich an den Möbeln und Wänden forthalf. Ihr Haupt schwankte, als wäre sie im Begriff zusainmenzubrechen; ein krampf­haftes Zittern bewegte ihre Lippen, man sah um ihre zu­sammengezogenen Naseflügel jene weißen Linien, die sonst daS Herannahen des TobeSkampfeS ankünvigen. Ihre Augenâpfel waren weit hervorgetreten und mit Blut unter­laufen, die durchsichtige Bläffe ihrer Züge mit dunkel, gelben Flecken marmorirt. Eine ganze Weile kämpfte sie einen heimlichen Seelenkampf; dann, der Anstrengung erliegend, schloß sie die Augen, sank mit einem erstickten Schrei zurück und blieb so unbeweglich liegen. Ein auf» merksamer Beobachter würde an dem rasch wechselnden Ausdruck ihrer Züge gewiß leicht erkannt haben, daß die Ruhe, die sich jetzt über sie breitete, sich nicht auf ihre Gedanken erstreckte, daß sie nur deren Heftigkeit mil­derte, eS war nur, als wenn sich eine milde Dämmerung über ihre Gefühle legte, um sich ihren furchtbarer innern Kampf im halben Dunkel beenden zu lassen.

Ein leises Geräusch im Borsaal schreckte sie aus. Sie öffnete die Augen, lauschte, erkannte Gabrielen- Schritt und hob den Kopf mit einem unarticulirten Schrei. Im selben Augenblicke trat das junge Mädchen ein.

Erst hatte sie Hch vorsichtig der Baronin genähert, als fürchte sie dieselbe im Schlafe zu stören; als sie aber ihrem Blicke begegnete, lief sie mit auSgebreiteten Armen auf sie zu.

Ernestine wandte den Kopf weg und murmelte: "Mein Gott, mein Gott, habe Mitleiben mit mir"!

Was fehlt Ihnen, meine Mutter" ? fragte daö junge Mädchen und fetzte sich neben sie.

Die Baronin ergriff ihre beiden Hände und zog sie mit irrem Blick heftig an sich.Gabriele, höre mich"f sagte sie mit gepreßter Stimme,wenn ich hätte ahnen können wenn Du wüßtest meine Tochter" l

Und mit einem lauten Schrei die Arme hebend, lies sie sich auf die Knie nieder und stammelte:Meine Toch­ter, Gnade"!

Großer Gott, was thun Sie"! rief Gabriele,Sie zu meinen Füßen"!

Das ist mein Platz", antwortete die Baronin.

In meinen Armen, in meinen Armen, meine Mut­ter"! erwiederte die Tochter laut weinend, ohne noch zu wissen warum. Sie hob die Leidende zärtlich in die Höhe; I Ernestine hielt die Tochter |in langer Umarmung an ihr Herz gedrückt.

Ja", rief sie,laß mich Deine Küsse noch einmal fühlen, ehe ich rede; denn es muß fein! Damit Du einsiehst, daß diese Heirath unmöglich ist, sollst Du Alles wissen"!

Gabriele machte eine Bewegung; sie betrachtete ihre Mutter. Diese schloß die Augen.

Sieh mich nicht so an"! sagte sie,vor meiner Tochter erröthen zu müssen ich ertrage eS nicht"! Sie verhüllte schluchzend ihr Haupt; Gabriele sank vor ihr nieder.

WaS haben Sie, meine Mutter"? rief sie innig und zärtlich,was reden Sie von Erröthen? Zweifeln Sie an meiner Ehrfurcht, meiner Liebe? Was Sie mir auch zu sagen haben, weiß ich nicht im Voraus, daß Alles, was von Ihnen kommt, edel und gut ist"?

Mein Gott, laß mich sterben"! stammelte die Ba­ronin in Thränen.

Das junge Mädchen, immer bewegter, hielt sie mit ihren Armen umschlossen.