Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen AUgem. Zeitung.
1851. — 3f 236.
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Gabriele konnte einen Schrei nicht unterdrücken; eS schien, als sei ihr Gesicht plötzlich von der Glut der untergehenden Sonne überströmt. Rene grüßte sie und entschuldigte sich, daß er sie in ihren Träumereien störe.
„Ich suche Marcell", stotterte sie etwas verlegen, und that, als durchlaufe sie mit den Augen die Gänge des Parks.
„Dann bitte ich um die Erlaubniß, Ihnen helfen zu dürfen", sagte Ren6 lächelnd, „vorausgesetzt, daß meine Begleitung Ihnen nicht unangenehm ist".
„DaS können Sie nicht denken"! erwiderte Gabriele, und that, als sähe sie in die Ferne, um nicht den Augen des jungen Mannes zu begegnen.
„So gestatten Sie mir also, daß ich meine Vorrechte von Havre wieder in Anspruch nehme"? fragte er heiter.
„Aber Sie haben unserer Freundschaft einen neuen Titel hinzugefügt", bemerkte verwirrt daS junge Mädchen.
„So erkennen Sie also doch meine Rechte?
„Wie so"?
„Hat nicht deren ein Freund? Und wenn sie auch nur darin beständen, Ihre Befehle in Empfang zu nehmen und dafür zu sorgen, daß Ihre Wünsche erfüllt werden! Diese Rechte fordere ich in aller Form zurück, mein Fräulein, und damit ich immer bei der Hand sein kaun, werde ich gar nicht mehr fortgehen".
„WaS sagen Sie, mein Herr"?
„Ich sage, daß ich mich hier in der Nähe niederlassen will"!
«Ist es möglich"?
„Das Schloß VerrièreS sist zu verkaufen; ich habe eS gesehen und will eS an mich bringen".
„Sie"! rief Gabriele und schlug mit kindischer Freude in die Hände. „Ach, wie schön"!,
„So sind Sie also zufrieden mit diesem Entschluß"? fragte lebhaft der junge Mann.
Gabriele erröthete, daß sie sich so verrathen hatte. „Gewiß, mein Herr", stammelte sie, „weil daS ein Mittel ist, Ihrer Neigung — ich will sagen, Ihrem Geschmack nachzugehen. Sie sagten ja zu meiner Tante, eS sei Ihr liebster Wunsch, jeden Sommer auf dem Lande zujubringen".
„Stimmen Sie darin nicht mit mir überein"?
„O vollkommen"! sagte sie und gewann nach und nach ihre Unbefangenheit wieder, „was kann man auch in Paris anfangen, wenn die Sonne scheint"!
„Alle Leute von Geschmack reisen in die Bäder", sagte der junge Mann lachend.
„Die italienische Oper ist geschlossen", ergänzte Gabriele.
„Man begegnet nur Geschäftsleuten und Deputirten", erwiederte Rene.
„Paris ist unbewohnbar", fügte ernst das junge Mädchen hinzu.
Ihr Begleiter näherte sich ihr. „Also", begann er wieder mit vertraulicherem Tone, würden Sie gern darein willigen, jedes Jahr einige Monate in der Einsam, feit zu verbringen" ?
„Ich"? rief Gabriele, „o die Einsamkeit ist ja reizend! Erstlich wird man dann die Bälle des kommenden Winters besser genießen".
Und dann", setzte Rene hinzu, „wie viel Freuden giebt es, die man nur auf dem Lande kennen lernt, die Spaziergänge, die Lectüre —"