Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauische» Allgem. Zeitung.
1851. — JV» 834.
Jugendsünden.
Novelle nach CS. Svuvcstrc.
(Kortse-ua g.)
Nen6 fuhr fort: „Sie haben gewiß von den großen Dingen gehört, Vie in Arkansas vom Capstän ausgeführt wurden; Zeitungen und Erzählungen Reifender haben einen Theil davon bekannt gemacht. Wer ihn Wälder urbar, Flüsse schiffbar machen und Fabriken errichten sah, der hielt seine Unternehmunglust für Thatkraft, während sie doch nur das Ergebniß einer großen innern Aufregung war. Er wollte sein Herz mitten im Geräusch deS Lebens übertâubcn , sich selbst entfliehen, in umfassender Thätig« keit die Gedanken, die sich ihm ausbrängten, ersticken. WaS er auch that, seine Anstrengungen waren vergeblich; er rang immer, unterlag aber mit krampfhafter TodeS» angst; er lächelte noch, aber dieses Lächeln brachte, die ihn liebten, zum Weinen".
„Und konnte die Zeit diese Traurigkeit nicht tilgen"? fragte Ernestine.
„Ele verzehrte eher die Kräfte deS CapitânS", er« wiederte der Amerikaner, „Seine Freunde sahen, wie er von Jahr zu Jahr schwächer wurde. Endlich fesselte ihn sein Leiden in den wilden Gegenden an der westlichen Grenze, die er eben urbar machen wollte. Er fühlte bald, daß cS mit ihm zu Ende ging. Glücklicher Weise war ich ihm gefolgt, ich konnte ihm meine Sorgfalt widmen, und seinen letzten Willen entgegennehmen. Da endlich iehrte er mich daS Unglück kennen, welches fein ganzes ^bcn verdüstert hatte".
„Ihnen"?
»Für viele Andere wäre dieses Unglück etwas ganz Alltägliches gewesen. Die Frau, die er liebte, hatte einen üiücklichen Nebenbuhler geheirathet. Aber der Capitân ^var eine jener kühnen Naturen, die noch beharren, auch
wenn die Hoffnung stirbt, und die daS Unmögliche zu reizen scheint".
„Sie haben ihn gut gekannt"! flüsterte Ernestine.
„Und doch", fuhr Reinl fort, „blieb ihm von der Liebe glücklicher Jahre Nichts als einige früher eingetauschte Unterpfänder, die er erst wie ein Andenken, dann wie einen Trost aufbewahrte. Er hatte das Niemand vertraut, auS Furcht, man möchte feiner spotten, er schloß sich mit den Schätzen seiner Jugend ein, und fand die Wohlthat der Thränen".
„Seien Sic barmherzig, mein Herr, und vollenden Sie"! stammelte die Baronin, die beiden Hände auf daS Herz gepreßt, um daS Klopfen ihrer Pulse zu unterdrücken.
„Ich chabe nur noch wenig hinzuzufügen, Madame", sagte Rene?, dessen Stimme die Erinnerung zittern machte. „Als der Capitän sein Ende nahen fühlte, wollte er die Zeugen eines frühern verlorenen Glückes nicht der Neugierde oder der Gleichgültigkeit Preis geben. Er glaubte, sie müßten zu Derjenigen zurückkehren, an die sie erinnerten, und er lies .mich schwören, sie ihr selbst zu bringen".
„Sv nannte er Ihnen ihren Namen" ? fragte Ernestine mit Todesangst.
„Nein, Madame", erwiederte Rernl, „aber er gebot mir, zu Ihnen zu reisen, weil Sie allein ihr dieses heilige Vermächtnis) ohne Gefahr zurückstellen könnten, und ich komme, daS Versprechen, daS ich ihm an seinem Tod- tenbette gab, zu erfüllen".
Bei diesen Worten überreichte ihr der junge Mann, ein kleines schwarz gesiegeltes Paket, auf dem mit unsicherer Hand eine Adresse geschrieben war. Ernestine erkannte die Handschrift; mit einer unwillkürlich heftigen Bewegung drückte sie daS Packet an ihre Lippen. AlSsie