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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. JVs S31

Jugendsünden.

Novelle nach C. Souvestve.

(Fortsetzung.)

Er begegnete Bouvard, der von der Baronin kam, und wunderte sich über dessen Aussehen. Der Notar strahlte wie ein Seliger. Er nahm Marcell bei den Armen und führte ihn in den Park, wo er ihm die Ursache seiner Freude mittheilte.

Frau von Rostang hatte ihn in Betreff des Majorats befragt und war ihm noch freundlicher als gewöhnlich entgegengekommen. Sie hatte sich nach seinen Nieder- laffungSplânen erkundigt, sie hatte ihm so vie Vertrauen gezeigt, daß er den Muth gefaßt hatte, ihr seine Absich­ten auf Fräulein Gabriele zu gestehen. Die Baronin hatte ihn hierauf gefragt, ob er ihre Tochter ohne Mit» gift heiralhen wolle, und auf seine Antwort, daß er sich zu glücklich schätzen würde, wenn man sein Gesuch erhöre, um hieran noch irgend ein anderes Interesse zu knüpfen, hatte sie ihm die Hand gereicht und gesagt:Suchen Sie Gabrielen zu gefallen und den Admiral zu gewinnen; baè Uebrige wird sich von sich selbst machen".

Marcell ging bestürzt; er glaubte erst, eS walte hier ein Mißverständniß ob, aber der Notar ging so in die Einzelheiten ein, daß kein Zweifel möglich blieb. Sein Entzücken allein war daS genügendste Zeugniß der Wahr­heit. Die Neuheit seines Erfolgs hatte ihn so zu sagen tvie verklärt. Sein Gang hatte unwillkürlich etwas Sieg» Haftes angenommen, sein Kopf hob sich, seine Brille, du vor Bewegung Herunlergerutscht war, schwebte über dem Abgrund, ohne baß er daran dachte, sie zurecht zu bucken, Er sprach laut, suchte nicht mehr nach Worten, und schien selbst von dem heiligen Schrecken vor der Eonvenienz befreit.

Marcell betrachtete ihn, zwischen Verwunderung und bem Reiz zum Lachen schwankend. Er wußte seil lange,

daß die Liebe selbst Löwenkrallen beschneiden kann, aber er sah hier zum ersten Male, daß sie selbst auf einen Notar wirken könne.

Im Gehen fragte ihn Bouvard um Rath, was er nun beginnen solle; aber nach Art trunkener Leute ließ er ihm keine Zeit zum Antworten. Er selbst lichtete-- seine Zweifel und beantwortete seine eigenen Fragen. Nack vielen ausgestellten und wieder verworfenen Vorschlägen war er endlich mit sich einig, an Gabriele und den Baron zu schreiben.

Marcell war eS nicht möglich, den Antrag deS No­tars ernsthaft zu nehmen; er konnte sich das belustigende Schauspiel, das sich vor ihm entfaltete, nicht versagen. Ohnehin war dies ein Mittel, um Gabriele für ihre Verschlossenheit zu strafen und sie zum Vertrauen zu zwin­gen Weit entfernt also, Meister Bouvard abzuhallen, bestärkte er ihn vielmehr in seinem brieflichen Vorhaben und verließ ihn, nachdem er ihm zugeredet, den Moment seiner Begeisterung zum Schreiben zu benutzen.

Der Notar folgte seinem Rath und verfertigte die beiden Briefe mit solcher Leichtigkeit, als habe er Acten vor sich. Man sagt, daß die Häßlichsten ihren schönen Tag haben; dasselbe gilt von simplen Geistern. Auf sonst unfruchtbare Stauden kann ein Regenguß ober ein Sonnenstrahl so verändert wirken, daß auS ihnen plötz­lich eine Blüthe sprießt, die^sonst nie zu Tage gekommen ! wäre. Wie oft geht ein großer Ruf auS Zufälligkeiten ; hervor, die wir unS später vergebens zu erkläreu suchen. Die Welt hat Wellingtons, weil es zufällig Waater- lvoS gab.

Meister Bouvard war glücklicherweise zu eifrig, um sie noch einmal durchzulesen; er siegelte schnell die beiden Briefe und ging in den Garten, um ein Mittel auözu- denken, sie anzubringen. Er ging einige Male vor der ; Fa^ade deS Schlosses hin und her, und blieb dann Plötz-