Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M SS4
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
„Schweig, Duret" ! unterbrach ihn schnell der Baron, der den Botsmann lodlegen sah. Dieser hatte jedoch ein System, von dem er niemals abging; es bestand darin, daß er mit dem Rostang von früher den jetzigen Rostang bekämpfte; dessen Vergangenheit war das Seil, das er seiner Gegenwart um den Hals legte.
„Und wenn ich auch schweige", sagte er mit erhobener ' Stimme, „so ändert daS nicht, daß Sie hundertmal mehr als Ihr Sohn begangen haben" !
„Du lügst"!
„Glauben Sie, ich hätte Ihre schönen Ausflüge ver- ; Dessen" ?
„Wirst Du schweigen"?
„Da waren zum Beispiel die beiden Spanierinnen, ; die Sie zu gleicher Zeit entführten".
„Alle beide"? wiederholte Marcell verwundert.
„Es ist nicht wahr" ! rief der Admiral.
„Sie überließen mir die Kammermädchen", setzte^ Georg hinzu, dessen Gestchtszüge die Erinnerung verklärte, j „Ach, das war noch gute Zeit, man war Ehemann undj lebte doch als Garxon" I
„Prahle nur damit alter Narr"! unterbrach ihn voller । Erbitterung der Baron. „Es hat Dir gute Früchte eingetragen. Während Du in der Fremde Deine Frau ver- gaffest, that sie dasselbe in Frankreich"!
Der Bootsmann fuhr zitternd in die Höhe. „Das ist möglich" ! sagte er und änderte plötzlich den Ton seiner ( Stimme. „Aber jedenfalls thut der Admiral Unrecht, , Utich daran zu erinnern".
„Was Teufel treibst Du mich auf'S Aeußerste"! be-: merkte Herr von Rostang etwas beschämt.
„Wenn ich Strafe verdiente", erwiderte Duret mit einem bitteren Nachdruck, so war ich aber doch nicht der Einzige"!
„Genug, Georg" !
„Man muß nicht so stolz sein, weil man Glück gehabt hat"!
„Donner! wirst Du endlich aufhören"? schrie der Baron und erhob sich wüthend.
Der alte Matrose zuckte die Achseln, murmelte einige wenig ehrerbietige Bemerkungen überlad schlechte Gedächtniß alter Sünder, und zog sich langsam zurück, wie Einer, der es nicht Wort haben will, daß er gehorchen muß.
Der Admiral ließ sich keuchend in seinen Lehnstuhl zurückfallen. Marcell näherte sich, um ihm behülflich zu sein; aber jener stieß ihn zurück.
„Laß mich, guter Freund"! rief er zornig, „Du allein bist Schuld an allem Vorgefallenen. Ohne Deine Thorheiten hätte ich nicht die Albernheiten dieses Herren an» hören müssen. Du bringst mich in Streit mit der ganzen Welt, selbst mit der Baronin; denn wenn sonst Stiefmütter immer gegen die Kinder ihrer Männer eingenommen sind, so ist eö hier gerade umgekehrt. Frau von Rostang hat für Dich nichts als Entschuldigungen; sie vertheidigt den guten Sohn, wo sie kann"!
„Ach, ich weiß eS", sagte Marcell mit aufrichtigem Gefühl, „seit ich sie kenne, ist sie für mich die zärtlichste, nachsichtigste, gütigste Beschützerin".
„Ja", fuhr der Baron fort, ^aber waS Du nicht weißt, mein Herr, ist welch ein Grad von Tugend dazu gehört, um sich so gütig gegen Dich und mich zu bezeigen, vorzüglich gegen mich, den sie Ursache hätte zu hassen".
Der junge Mann betrachtete seinen Vater mit erstauntem Gesicht.