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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. M SSS

Jugendsünden.

Novelle nach C. Souvestre.

Der erste TageSschimmer breitete sich am Himmel aus, daS Thal von Cailly erhob seine schlafenden Glie­der, auS dem Morgennebel tauchten seine Mühlen, seine Dörfer und die Pappeln, die seinen Fluß umkränzten, auf. Aber Alles blieb noch öde und schweigsam. Selbst die Vögel unter den Blättern schliefen noch, und man hörte Nichts als daS Säuseln des Morgenwindes und zwischen den Schwertlilien am User daS Gemurmel deS WafferS. Am Abhang deS Hügels, der an den Fluß grenzt, sah man schon die hohen Dächer von Schloß Bar- Ville vom Strahl der ausgehenden Sonne geröihet, wäh­rend die Masse deS Gebäudes noch in halbe Nacht ge­hüllt blieb. Auch da war noch Alles stumm, schien noch Alles zu schlafen. Ein aufmerksamer Blick verrieth jedoch im ersten Saale des untern Stockwerks durch die Ritzen eines schlecht verschlossenen Ladens den blassen Schimmer einer matten; vom langen Dienst der Nacht erschöpften Oellampe. Ihr Schein fiel auf einen Mann von unge- fâhr sechzig Jahren, mit grauen Haaren, rüstigem Ge. sicht; sein Anzug war halb bürgerlich, halb seemännisch. Dieser Mann war Georg Duret, ein HochbootSmann in der kaiserlichen Marine, deS Viceadmirals Nostang alter Gesâhrter zur See, und jetzt dessen Factotum auf Schloß Darville.

Der alte Seemann hatte sich weder durch Gehorsam, wocb durch Bravheit deS CharacterS in diese dauernde Gunst gefetzt. Sehr jung in die Dienste des Admirals getreten, war er dessen Kamerad noch mehr bei feinen Thorheiten als bei feinen Feldzügen gewesen, und hatte bch unvermerkt jene familiäre Unverschämtheit angewöhnt, durch welche gefällige Diener die Unordnungen ihrer Her- "n zu bestrafen Pflegen. Ein zufälliger Umstand kam

dazu, ihn aller Strafbarkeil zu entheben. AIS er mit Herrn von Nostang die Rhede von Rio Janeiro passirte, war ihre Schaluppe mit vollen Segeln durch einen plötz­lichen Windstoß umgeschlagen; der Admiral rettete dem alten Burschen daS Leben mit Gefahr deS eignen. DaS war »in unzerreißbares Band, welches für immer daS Schicksal deS Einen an den Andern verknüpfte. DaS Andenken an einen großen empfangenen Dienst kann unS beschwerlich fallen, aber die Erinnerung an einen großen geleisteten Dienst wird unS immer angenehm fein, weil er unS ehrt. DaS Gesicht Georgs wurde für den Ad­miral eine Art Ehrenkreuz; seitdem er ihm daS Leben gerettet, war ihm der Mensch erst recht werth geworden; der Gedanke, sich von ihm zu trennen, durfte nie auftau# chen. Der HochbootSmann war seinerseits auf seine Art auch dankbar, und da er sich für schlechterdings unent­behrlich hielt, würde er nie seinen Abschied angenommen haben. Es entstanden zahllose Streitigkeiten, die aber keinen Bruch, sondern nur zur Folge hatten, daß Herr und Diener täglich zänkischer, aber auch unzertrennlicher wurden; sie waren wie zwei alte Teusel, die sich gegen­seitig ertrugen, um damit ihre Sünden abzubüßen, und sich oft damit trösteten, sich dieselben zu erzählen.

Wir müssen indeß doch sagen, daß Georg's sicht­liche üble Laune beim Anfang unserer Geschichte dies­mal nicht von neuen Zerwürfnissen mit dem Admiral herrührten. Der alte Bootsmann hatte e3 heute mit dem Sohne des HauseS, Herrn Marcell von Rostang zu thun.

Marcell war daS Kind auS erster Ehe deS Barons, und da er nicht in der Nähe seines Vaters erzogen wor­den, war er, wie alle gutgebildete junge Leute, von den eingebildeten Studien deS College zu den fraglichen Stu­dien der RechtSschule übergegangen. Nachdem er in Pa­ris drei Jahre alle Bälle, Concerte und Theater besucht