Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M SSO.
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung.)
Georg schüttelte den Kopf. Wenn Sie mit die Mit' tel nehmen, nach Berlin zu fahren, so gehe ich zu Fuße- und wenn Sie mich einsperren lassen, räche ich mich an mir selbst für die Härte Ihres Herzens!
So hören Sie doch, gnädige Frau, welch einen unbeugsamen Bären mir der Himmel zugetheilt hat. Was soll ich nun mit dem Menschen anfangen? Gott, wie glücklich sind Sie! Ihre Tochter gehorcht Ihrem leisesten Winke, geht fort mit dem Vater, läßt den Liebhaber im Stiche — an diesem gehorsamen Engel solltest du dir ein Beispiel nehmen, wie man den Wünschen der Eltern Neigungen aufopfern und — seine
Und den gehorsamen Engel treulos mißbrauchen soll, sagte Georg mit einem unwillkürlichen Lächeln über die Täuschung seines Vaters, welche ihn unaussprechlich ergötzte.
Wenn Ihnen so sehr viel daran liegt, setzte er nach einer Pause hinzu, so will ich übrigens meine Reise bis! übermorgen aufschieben und Ihnen im Nachgeben mit s gutem Beispiel vorangehen 1
Hugo schlug die Hände zusammen und flüsterte leise; Der ungeratene Sohn! Dann wandte er sich zu Gerhardine :
Erlauben Sie uns jetzt, Sie in Ihren Wagen zu heben. Morgen früh werden Vater und Sohn ihre Aufwartung machen.
Sie sagte laut: DaS wird mich recht sehr freuen! Dann aber flüsterte Sie leise, so leise, daß eS Georg nicht verstehen konnte: Aber nun bitte ich Sie auch, Graf verstatt: Ihren Eigensinn nicht durch Ihres SohneS Konsequenz beschämen zu lassen! Sie dürfen nun
auch nicht nachgeben und müssen eben so fest bleiben, wie er!
Dann fuhr sie mit leichtem Herzen nach Hause. Wie glücklich hatte sich Alles gefügt! Sie schrieb noch in der Nacht den Verlauf ihreö Zusammentreffens mit Georg und seinem Vater an ihren Mann und theilte ihm mit, wie sehr sie sich freue, daß der Gesandte bis jetzt keine Ahnung von ihrer und ihres Mannes Mitwirkung zur Verbindung der jungen Leute habe, sondern im Gegentheil die ganze Reise für ein gewaltsames Abbrechen dieses Verhältnisses von ihrer Seite halte.
Der Gesandte war in dieser Nacht nicht so zufrieden mit sich und den Seinen! Schlaflos ruhte er auf seinem Lager, und zum ersten Male fand sein diplomatisches Talent keine Auskunft!
Georg'S eisenfeste Erklärung, übermorgen seiner Braut nachreisen und, wenn ihm der Vater sie noch nicht ge, währe, dann noch seinen Contract in Liverpool halten zu wollen — !
Dann daS beschämende Gefühl, Gerhardinen, der einzigen Frau, die er noch liebte und achtete, gegenüber mit der Ueberzeugung zu stehen, daß sie seinen Sohn, der in seinen Augen dem Alter nach noch ein Kind war, für männlicher halte, als ihn selbst — hatte Sie nicht gesagt, er sei eigensinnig, aber Georg konsequent?!
Und dann Laura! Sie war offenbar, seitdem sie, wie er glaubte, seinen Sohn aufgegeben, in seinen Augen im Werthe gestiegen.
DaS ist ja ein charakteristischer Zug der Menschen von Gerstatt'S Galtung, daß sie nur dann etwas zu schätzen beginnen, wenn dessen Erwerbung für sie mit Schwierigkeiten verknüpft ist, daß sie nur die Menschen aufsuchen, von denen sie glauben, daß sie selbst ihnen entbehrlich sind, daß sie selbst nur diejenigen achten, die ohne sie leben können.