Der Wanderer.
LrlletrWcheS Beiblatt zur Naffamschen AUgenl. yeihmg.
1851. — M 819.
KTWW-
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung.)
Dann verlassen wir Wien; wir sind ja frei, und ziehen mit den Kindern, wohin die Sonne der Kunst «nS lockt! Nicht wahr, Wolf, du gehst? Ich bestelle dann sogleich, daß angespannt wird, und nachdem ich Euch Beiden auf den Bahnhof gebracht, fahre ich zur Karlskirche, um meinen jungen Freund zu benachrichtigen, daß er Euch morgen früh folgen darf und Euch in Berlin trifft. Nicht wahr, Wolf?
ES ist der schwerste, peinlichste Schritt meines Lebens , und mir dünkt, du hättest mir daS ersparen können!
Aber dennoch ging er zu seinem Schreibtische, nahm eine Rolle GoldeS und steckte sie in die Tasche, und dann hinüber zu Laura. Gerhardine wagte ihrer Dankbarkeit ihm gegenüber keine Worte zu leihen — sie fürchtete, ihn zu verstimmen.
Laura erschrak heftig, als sie beide Eltern eintreten sah aber ein Blick in Gerhardinens leuchtendes Gesicht, und sie war ruhig. Wolfram sagte halb böse: Du willst fort von uns, Laura? So muß ich dich wohl selbst wegbringen — wohl der erste Bater, der die eigene Tochter für den Liebhaber entführt!
Gerhardine erklärte der Tochter ihren Plan , und es ist erklärlich, daß Laura sich kaum vor Freude zu i fassen wußte! Sie sollte den Geliebten treffen, mit ihm, wenn auch nicht für immer, vereinigt sein, ohne einen Schritt zu begehen, gegen den ihr ganzes besseres Selbst sich auflehnte! Unter dem Schutze ihres geliebten Vaters war eS ihr nun vergönnt, Vas elterliche HauS zu verkästen , aus dem sie noch vor wenigen Minuten wie eine Diebin schleichen zu müssen fürchtete. Ein Mißtrauen, daß ihre Eltern ihr nicht alles halten würden, was sie
ihr versprachen, der Gedanke, daß sie eben so gut von ihm weg wie zu ihm gebracht werden könne, kam nicht in ihre Seele, eben so wenig, wie der Gedanke deS Mißtrauens je gegen Georg aufgetaucht war — in ihrer warmen Seele gab eS keinen Raum für solche kalte Gedanken.
Freudig nahm sie Hut und Mantel — alles Uebrige versprach die Mutter ihnen nach Berlin nachzuschicken nebst der Nachricht, wo und wann Georg sie treffen werde.
Als Gerhardine vom Bahnhöfe zurückkehrend dem Kutscher die Richtung nach der Karlskirche einzuschlagen befahl, war es ihr doch eigenthümlich zu Muthe. Welche Gemüthsbewegungen hatte sie heute Abend nicht schon empfunden!
Als sie den Wagen Georg'S von Weitem erblickte, ließ sie den Kutscher halten und stieg aus. Erst als sie näher kam, sah sie Georg an den Schlag seines Wagens gelehnt. Sie rief ihn an.
Er fuhr zusammen, er erkannte sie trotz Mantel und ' Schleier auf der Stelle und rief mehr zornig als traurig: ’ Alles verrathen !
Nicht doch, sagte Gerhardine, nicht doch! Sie ist Ihnen nur voraus geeilt! Geben Sie mir Ihren Arm und führen Sie mich zu meinem Wagen, so werde ich Ihnen Alles erklären.
Georg war natürlich von Gerhardinens Mittheilung nicht so entzückt wie Laura; aber waS blieb ihm anderes übrig; als sich zu fügen?
Erlauben Sie mir, Sie bis an Ihr Haus zu bringen , und dann morgen früh vor meiner Abreise noch einmal zu Ihnen zu kommen.
Gerhardine nickte gewährend; aber als die Beiden sich eben zu dem Wagen wenden wollten, trat eine große Gestalt, tief in den Mantel verhüllt, ihnen in den Weg.