Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeittmg.
1851. — M 218
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Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung.)
Sie ging wieder hinab zu Laura. Ihre Tochter lag auf den Knieen, den Kopf zwischen den Händen, und zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub.
Darf ich ihm schreiben, Laura, darf ich ihm schreiben , daß du deiner Mutter treues Kind bist und sie nicht verlassen kannst — er wird das in dir ehren!
Mutter, kann hast du mich morgen doch nicht mehr! Er-würde mir das nie verzeihen! Bedenke, ihn hat seine Mutter nie geliebt! Er kennt nur eine Liebe! Laß den Glauben daran mich bei ihm erhalten — dann wird er auch noch an andere Liebe glauben lernen. Er hat sein Wort voll und ganz gehalten, lasse mich nicht von ihm beschämt werden. Wir sehen unS bald wieder — meine halbe Seele bleibt ja bei dir! Und so wahr der allmächtige Gott lebt, ich würde ganz hier bleiben, wenn du mir sagtest: Es gereicht zu unserem Glück! Ich mache Euch zehnmal elender, wenn ich hier bleibe, als wenn ich gehe. Der einzige Grund, den du anführst: daS erbärmliche Vorurtheil des Gesandten, ist nicht werth, daß ihm zu Gefallen zwei Herzen gebrochen werden!
Stunde um Stunde verrann, Wolfram kam nicht nach Hause. Endlich schlug eS neun Uhr, und damit zugleich erscholl die Klingel des HauseS, von der wohlbekannten starken Hand des Hausherrn gezogen.
Gerhardine stand auf der Schwelle seines Zimmers, als er es betrat — ihr Aussehen mußte ihn erschrecken, denn er fragte mit ungewöhnlicher Haft: WaS ist geschehen , Kind?
AlS sie die so geliebte und gefürchtete Stimme hörte, alâ seine Augen so fragend und besorgt auf die ihrigen sich richteten, da brach die Spannung, in der sie die llanze letzte Zeit sich gehalten, zusammen. Laut weinend,
schluchzend wie ein Kind, fiel sie an seine Brust. So hatte er sie nie gesehen, immer war sie ruhig, besonnen, milde und klar gewesen — waS war ihr geschehen?
Ein erschreckender Gedanke fuhr durch seinen Kopf. Wer hat dich beleidigt, sage eS mir, Gerhardine, wer hat es gewagt? fragte er bebend vor Zorn.
Nicht daS ist eS, stammelte sie, Niemand.hat mich beleidigt, aber eS steht Alles auf dem Spiele, wenn du nicht hilfst!
WaS soll ich thun? Sage mir eS, liebes, theureS Weib!
Gerhardine hatte, ohne die leiseste Absicht, den Weg eingefchlagen, ihres Mannes Herz zu rühren. DieFaffungS- losigkcit, die Verzweiflung einer sonst so aufrechten Gefährtin hatten den starken Mann ganz und gar erschüttert und zerstört. WaS soll ich thun? sage es mir!
Erst, Wolf, muß ich dir Alles erzählen! — Sie theilte ihm nun mit fliegenden Worten mit, waS wir wissen, und was er zum Theil schon früher von ihr erfahren ; eigentlich war ihm nichts unbekannt, alS die beabsichtigte Flucht der jungen Leute.
Sie schloß mit den Worten: Ich habe Laura mein heiliges mütterliches Wort gegeben, daß ich ihre Flucht nicht hindern will — ich habe eS gethan, nicht nur weil meine Liebe dem verzweifelnden Kinde gegenüber mir daS gebot, sondern die ganz gewöhnliche Klugheit. Sie ist einer von den Charakteren, die nicht zu biegen, nur zu brechen sind, und dieses Brechen ist zugleich ihr Untergang. Hätte ich ihr mein Versprechen vorenthalten , so hätten wir jetzt statt eines trauernden, verzweifelnden, liebenden Kindes eine unS trotzende Fremde, eine widerwillige Gefangene, eine unS zuletzt überlistende Verbrecherin im Haufe!
Wir können aber doch daS Kind nicht mit dem jungen Menschen durchgehen lassen und die Hände im Echooß