Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. M S13.

Frauen - Diplomatie.

(Fortsetzung.)

Sie bewachte sie jetzt freilich ängstlicher als früher, »hne daß Laura eS bemerkte, die überhaupt in letzter Zeit viel mehr in sich versunken und zerstreut war. Gerhar­dinens Hoffnungen wurden bitter dadurch getäuscht. Sie hatte gehofft, die Leidenschaft ihrer Tochter werde mit der Zeit abnehmen, aber diese gewann im Gegentheil an in­tensiver Kraft, und drohte zuletzt alle ihre Fröhlichkeit »nd ihre Theilnahme an Menschen und Dingen zu ver­schlingen.

Selbst Hugo fragte zuweilen, warumdas Kind" so ernsthaft sei. Dann suchte das junge Mädchen durch verdoppelte Zärtlichkeit für die Mutter dieses liebende Auge wenigstens nicht aufmerksam auf ihr trübes Sinnen werben zu lassen.

Eines Abends saß Gerhardine allein mit den beiden jüngsten Kindern in ihrem Salon. Sie half den Jungen ihre Aufgabe für die Schule machen. Laura war bei iem Vater in dessen Atelier beschäftigt. Da trat Hugo iktse in den Saal, denn die Gartenthür stand offen eS War wieder Mai ein Jahr verstossen.

Als Hugos wohlbekannte Stimme mit sanftem weh- »lüthigem Klange Guten Abend ! sagte, fuhr Gerhardine "schrecken in die Höhe.

Sie erschrecken vor mir, fuhr Gerstatt vorwurfsvoll svrt; und ich komme doch tröst- und hilfebedürftig zu ^hnen. Sie wissen, meine Frau, die beinahe ein Jahr " ihren Verwandten in Berlin war, wurde fortwährend ^urch Kranksein verhindert, hiehcr zurück zu kehren, ich ^chte nicht, daß eS gefährlich sei; denn seit unserer ein# "^zwanzigjährigen Ehe ist sie immer krank; aber eben erhalte ich die Nachricht ihres TodeS!

Mein Gott I sagte Gerhardine tief ergriffen, mein °"- wissen eS schon Ihre Kinder?

Die beiden Jüngsten find in einer Erziehungsanstalt auf der Wieden, der Aelteste ist gestern Abends nach Eng­land abgereist.

Georg ist fort?

Ja, er ist fort. O, Gerhardine, ich stehe jetzt ganz allein.

Gerhardine gab den Kindern einen Wink, sich z» entfernen, dann sagte sie ruhig: ES ist recht traurig, Graf, daß Sie die Mutter Ihrer Kinder verloren aber sagten Sie mir nicht selbst, daß Sie sie nie geliebt? Sie sind durch ihren Tod nicht einsamer, als Sie eS bi» jetzt waren!

Doch, doch, wenigstens fühle ich jetzt bei dem Tode der ungeliebten Frau eS doppelt schmerzlich, nicht während der Jugend meines Lebens ein Herz neben mir gehabt zu haben wenn man eS auch verloren, ist nicht die Ueberzeugung, einmal es besessen zu haben, schon be­glückend? Die Welt hat mich einen beneidenSwerthen Menschen genannt, und ich bin nie geliebt worden; selbst meiner eigenen Frau habe ich dieses Gefühl nicht einzuflößen vermocht, obgleich es einmal eine Zeit gab, wo ich mich darum sehr bemühte, wenn auch nur auS Eitelkeit!

Dann verdienten Sie eS auch nicht besser!

O, seien Sie nicht so streng, Gerhardine! Warum sind Sie nicht die Meinige geworden? wenden Sie sich nicht ab, sie dürfen hören, waS ich sage Sie müs­sen eS hören! AuS Menschlichkeit dürfen Sie nicht dem Schrei einer zerrissenen Seele sich entziehen wären Sie die Meine geworden ich wäre ein andererMensch! WaS bin ich jetzt? Das unnützeste Geschöpf der Welt: ein Hofmann, ein Cavalier, ein Diplomat!

Mein Gott, Graf Gerstatt, wie kommen Sie auf einmal zu dieser trüben Ansicht Ihres Lebens?