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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ S11

Frauen - Diplomatie.

(Fortsetzung.)

AlS bei dem Nachtisch der Champagner kam, erhob Hugo sein GlaS und rief: Unserer Dame!

Wolfram aber sagte ironisch: Bitte, sagen Sie: »Unseren Damen"! und vergessen Sie Ihre Frau Ge­mahlin nicht.

Aergerlich rief Hugo: Wer wird denn so ein Phili­ster sein und einer abwesenden Frau Gesundheit trinken!

Nun gut, so will ich eS galanter einrichten! Ich trinke die Gesundheit Ihrer abwesenden Gemahlin, und Eie trinken die Gesundheit meiner abwesenden Toch­ter. Die werden Sie doch nicht refustren?

Der Graf wurde dunkelroth ! Schweigend stürzte er sein GlaS hinunter. Gerhardinen brannte der Boden unter den Füßen; diese Rache ihres Mannes, obgleich sie der Graf zehnmal verdient, war ihrer innersten Natur zuwider.

Endlich war das Essen zu Ende. Hugo bot ihr den Arm zu einem Spaziergange, Wolfram ging, die Cigarre im Munde, lächelnd hinterher.

Wie kam es, Graf, daß Sie die militärische Car­riere verließen?

Durch meine Heirath. Der Vater meiner Frau, damals Gesandter in Paris und ein entfernter Verwand­ter, bot mir die Hand seiner Tochter und die Stelle als GesandtschaftS-Secretâr an. Ich nahm Beides faute de mieux an l

Faute de mieux! sagte Gerhardine entrüstet.

Nun ja, meine gnädige Frau meine Frau nahm Mich faute de mieux und ich sie saute de mieux.

Abscheulich!

Aber meine Frau hat mir das selbst gesagt! Sie war nicht schön, fünfundzwanzig Jahre alt und sollte sich

verheirathen. Ein Mann von Familie sollte sein und da sich kein anderer vorfand, so wählte man mich.

Sie wollen sagen: von guter Familie? fragte Wolfram.

Nun ja, gute Familie und Familie sowie, hohe Geburt und Geburt dasselbe bedeuten.

Wolfram lachte laut. Niedere Geburt ist nach Ihrer Theorie also gar keine?

Hugo war für diesen Spott nicht zugänglich. Indem er die Lippen etwas herabzog, sagte er nur kurz: Davon spricht man nicht. Eine niedere Geburt verhüllt oder verläugnet man.

Wolfram lachte noch mehr, so sehr, daß er stehen blieb und auSrief: Göttlich! göttlich!

Gerhardine aber sagte verlegen: Die Herren ver, stehen sich nicht. Mein Mann denkt an Niedriggeborene überhaupt, und Sie denken nur an den Fall, wo diese sich Hochgeborenen gegenüber befinden.

Gerstatt sagte nichts, denn er fand Wolfram mit seinem naiven, unbegreiflichen Lachen geradezu plebejisch.

Der Graf fuhr mit dem Ehepaar zurück nach Wien. Seine beiden Gäste nahmen den Fond des Wagens ein, und er fetzte sich Gerhardinen gegenüber. Sie sprachen von Rom, wo alle Drei in verschiedenen Zeiten mehrere Jahre zugebracht. Hier zeigte sich Hugo als der Mann von Geschmack und Bildung, und beinahe hätte er das Künstlerpaar durch seine guten, richtigen, warmen Urtheile versöhnt. AlS er bemerkte, welchen vortheilhaften Eindruck er bei Beiden durch seine Kunstbildung hervorbrachte, erhöhte sich natürlich seine Lebhaftigkeit und seine gute Laune noch um ein Bedeutendes, und Wolfram selbst mußte zugeben, daß er ein brillanter Gesellschafter sei. Gerhardine auch vergaß darüber die unangenehmen Em- pfindungen, mit welchen sie heute den Wagen bestiegen.