Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — â 207.
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung)
v.
Gerhardine mochte wohl eine Stunde so in Gedankt versunken gesessen haben. Die Thür nach dem Gar« len stand noch immer offen. Sie sah die Gewächse im leisen Nachtwinde sich traumhaft hin und her beugen ; des Mondes volle Scheibe begann am Nachthimmel auf« iuschweben. Sie schellte nicht nach Licht, weil sie jeden Augenblick den Eintritt ihres Mannes erwartete und auS sticht erklärlicher Scheu seine Fragen lieber im Halbdun« lel beantworten wollte.
Plötzlich, als sie das Auge zu der Gartenthür er» hob, stand im Rahmen eine Aännergestalt. Obgleich sie Nm Gesicht, da ihm die einzige Beleuchtung, das Mond« licht, im Rücken war, nichts gewahren konnte, sah sie doch die Umriffe, so deutlich, daß sie augenblicklich wußte: diese schlanke, jugendlich feine Gestalt hatte nie bis jetzt ihre Schwelle überschritten — eS mußte ein Fremder sein. Wie war er in den Garten gekommen?
Erschrocken stand sie auf, da bewegte sich auch der Fremde; daS gab ihr die Fassung zurück, und augenblicklich die Klappe einer chemischen Feuermaschine auf ihrem Schreibtische berührend, der ihr zur Seite stand, zündete sie schnell eine Wachskerze an.
DaS Licht in erhobener Hand, trat sie auf den Fremden zu, auch er trat ihr näher, und sie sah vor sich — den jungen Mann, der neben dem Grafen S. im Ca« brivlet gesessen.
DaS war zu sviel — wie, dieser Mensch verfolgte ihr Kind bis in ihr HauS, bis in ihr Zimmer?!
Er aber beugte sein Haupt und sagte mit unauS« strechlich wehmüthigem und kindlich rührendem Tone, in- dkm er die Hände faltete: Verzeihung, Verzeihung!
Meine verehrte gnädige Frau! O, wenn Sie wüßten, wie nur die äußerste Verzweiflung mir den Muth gab, dieses HauS zu betreten! Ich lehnte Ihrem Thore gegenüber — tausend Plane durchkreuzten meine Brust, wie ich zu Ihnen dringen könne.
Zu mir?
Ja, ja, nur zu Ihnen! Da trat Ihr Bediente anS Thor und sich entfernend, ließ er eö offen; ich konnte diese Gelegenheit nicht vorüber gehen lassen, mich bei Ihnen zu rechtfertigen , und so bin ich hier!
Rechtfertigen ?
Bedarf eö dessen nicht? WaS mag mein Vater nicht alles von mir gesagt haben! jJch sah ihn vor einer Stunde von Ihrem Gemahl bis zur Thür begleitet in den Wagen steigen.
Mein Gemahl hat vor einer Stunde den ***schen Gesandten zum Wagen begleitet.
Ja wohl, gnädige Frau, meinen Vater, den ***schen Gesandten, Graf Hugo Gerstatt.
Gerhardine hob den Leuchter höher und sah scharf dem jungen Manne inS Gesicht. Aber die Malerin, die erfahrene Frau, die mißtrauische Mutter mußte sagen: der junge Mann sprach die Wahrheit. Er war wirklich Hugo'S Sohn, eine größere Aehnlichkeit gab eS nicht auf Erden.
Er halte ruhig lächelnd die Prüfung ausgehalten und sie mit seines Vaters Augen, nur etwas ehrlicher und unbefangener, dabei angesehen.
Also deßwegen war er bei mir! sagte Gerhardine laut, indem sie den Leuchter auf den Tisch stellte.
Wie, hat er daS denn nicht deutlich gesagt, gnädige Frau?
Keine Sylbe hat er von Ihnen gesprochen.
So wollte er wohl das Terrain sondiren, die Bekanntschaft Ihrer Fräulein Tochter machen.