Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1851. —
M 206.
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung.)
Ich habe aber auch mit Ihnen zu reden, lieber Wolfram , fuhr er ungestört fort: eine Bestellung, ich wünschte, daß Sie meine Gemahlin . . .
Ich male keine Portraits, Herr Graf, sagte Wolf, ram rasch mit Stolz und Kälte.
Ich weiß daS, ich weiß das. Aber ich weiß auch, daß Sie auS besonderer Güte zuweilen Portraits in hi» sterischen Bildern anbringen, die bann vortrefflich sind. Malen Sie meine Frau als was Sie wollen — von den übrigen Portraitmalern macht eS mir keiner zu Dank — malen Sie sie als Dido, wenn sie wollen, das Publicum wird es dann begreiflich finden, daß Aeneas sie verließ.
Dieser unzarte Scherz machte auf die beiden Gatten fine durchaus üble Wirkung. Der Graf wollte um jeden Preis den Maler au sein Haus fesseln, und zugleich Gerhardinen zeigen, daß er seine eigene Gattin nicht liebe und häßlich finde. Gerhardine aber nahm ihm die Aeußerung uns zwei Gründen übel: erstens als verheirakhete Frau, und dann als Frau überhaupt, die einem Manne solchen Mangel an Galanterie nicht vergab.
Wolfram sah darin nur ein Compliment für seine eWne Frau und sagte kalt: Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich nicht auf Ihren Antrag eingehe. Ich bin ein fieier Mann und male nur daS, was nach meiner An- Ucht sich zum Malen eignet und meine Phantasie anregt. 2$ habe in meinem Leben mehr Bestellungen zurückge- d>iksen als angenommen — und . . .
So weisen Sie auch Die meinige zurück, sagte freund- ^ lachend der Graf, der entschlossen schien, Wolfram uichts übel zu nehmen. Ich hoffe Ihnen aber nächstens eine Bestellung unseres Königs zu bringen, die Sie nicht Mückweisen werden, da eS eine höchst dankbare ist. Ich
darf nichts plaudern, aber — wie gefagt, ich weiß im Voraus, daß ich für Diesen Fall keine abschlägige Ant, wort von Ihnen erhalte.
Wolfram erwiederte nur durch eine leichte Verbeu, gung. Gerhardine lud den Grafen, der noch immer stand, nicht neuerdings zum Sitzen ein, und so mußte er den endlich an den Aufbruch denken. Nachdem er sich nochmals die Erlaubniß erbeten, wieder zu kommen, verließ er, von dem Hausherrn begleitet, den Salon und schritt langsam, noch immer mit ihm plaudernd, durch den Garten.
Gerhardine sah den beiden Männern nach — ein Seufzer hob ihre Brust, denn sie wußte, daß Wolfram sie jetzt einem unangenehmen Eramen unterwerfen werde, und sie wagte ihm nicht die ganze Wahrheit — ihre frühere Neigung für den Ungesehenen mitzutheilen — ja, sic wagte nicht einmal, ihm zu sagen, daß ihn der Graf belogen, indem er vorgab, um Gerhardinens willen gekommen zu sein, da er offenbar eine andere Absicht gehabt und nur erst von ihr zufällig erfahren, daß sie die früher ihm so theure Gerhardine sei — sie wagte daâ alles nicht, weil Wolfram wirklich eifersüchtig war! so eifersüchtig, daß sie deßhalb jede Gesellschaft, jeden Umgang mied! Und ihre achtzehnjährige Liebe und Treue hatte nicht vermocht, diesen krankhaften Jdeengang zu vernichten.
Glücklicher Weise trat mit dem Maler zugleich Laura inS Zimmer. Sie hatte ihren Vater an diesem Tage noch nicht gesehen und hing sich schmeichelnd an seinen Hals. Gerhardine betrachtete mit Freude die schöne Gruppe. Laura bat ihren Vater, doch eine Zeichnung corrigiren zu wollen, die sie am Morgen vollendet, und obgleich Wolfram gern jetzt seine Frau ^, vorgenommen", konnte er doch dem Kinde die Bitte nicht abschlagen und ging mit ihr.