Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
1851. — S00.
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzun g.)
II.
Wir sind im ***f$en GesandtschaftS-Hotel. Ihre Erellenz die Frau Gesandtin, Gräfin Aurelie von Ger- statt, geborne Gräfin Schauenstein, eine kleine, ängstlich magere Dame, ruht in nervöser Abspannung auf ihrer! Chaise-Longue; sie Hal befohlen, daß man alle Besuche! abweisen solle, und ist auf daS höchste erzürnt, als sie trotz dieses Verbotes einen raschen Männerschritt in ihrem Vorzimmer vernimmt.
Sie wendet den Kopf nach dem Eingänge; alS sie aber den jungen Mann erblickt, der die herabgelassene Portiere rasch aufhebt, glättet sich etwas die Zornesfalte auf ihrer Stirn.
Ah, du bist eS, Georg! was wünschest du, mein Kind? fragte sie mit matter Stimme.
Mama, sagte eifrig der junge Mann, der eine auffallend einnehmende Erscheinung war, Mama, erlaubst s du, baß ich dir etwas Wichtiges mittheile?
Die Gräfin winkte abwehrend mit der Hand. Jetzt 1 dicht, mein Kind; ich habe furchtbares Ncrven-Kopfweh, komm morgen früh zu mir, — aber jetzt nicht, —* verlaße mich jetzt; und bitte, sage dem Hofmeister deiner Drüber, daß keiner von den Jungen mich stört.
Liebe Mama! ich bitte dich dringend, mich jetzt an* iuhören! ich habe keine Geduld, bis morgen früh zu Warten; es betrifft mein Lebenglück.
Ein spöltischeS Lächeln flog um den Mund der Dame, dann sagte sie kurz: Irgend eine Liebschaft vielleicht ? —
Ja, Mutter! Aber nicht „irgend eine", sondern eine idischeidenbe Liebe, eine Liebe, wie ihr sie in euren Sa* l°n3 nicht kennt.
Ich verstehe; also eine rcinantische, außerhalb der Sphären der „gewöhnlichen Welt" liegende. Die hat aber auch noch Zeit bis morgen, wenn nicht gerade Jemand dir die Schöne wegfichen will! Hast du schon einen Nebenbuhler, armer Junge?
Der Spott, mit welchem diese Worte gesprochen waren , beleidigte den jungen Mann. Er biß sich auf die Lippen und wandte sich zum Gehen. Seine Muller hielt ihn nicht, sondern sagte nur noch einmal mit schmachtender Stimme; a demain.
Als Georg die Zimmer seiner Mutter verlassen, blieb er einen Augenblick auf dem Corribor stehen und murmelte leise, indem er die Hand an die heiße Stirn Preßler Ein übles Omen, daß Mama mich nicht einmal anhören wollte! Frauen sind doch sonst neugierig.
Er wandte nun seine Schritte nach den Gemächern seines Vaters, den er ebenfalls zu Hause wußte. D^r Gesandte, Graf Hugo von Gerstatt, saß in seinem Schreibcabinet. Er gehörte, trotz seinen fünfundvierzig Jahren, noch zu den schönen Männern der Residenz. Groß, von auffallend schlanker und edler Gestalt, mit einem schönen, dnnklen, ausdrucksvollen Köpfe, sah er beinahe auS, wie der ältere Bruder seines SvhneS, der ihm außerordentlich ähnlich war. Er empfing ihn auch bei weitem freundlicher, als die Gräfin, und richtete dadurch seines SohnèS gesunkenen Muth wieder etwas auf.
Hast du eine halbe Stunde Zeit, Vater ? Ich wünschte ungestört mit dir zu sprechen.
Der Graf sah seinen Sohn überrascht an, nickte aber dann mit dem Kopfe.
So werde ich deinem Kammerdiener sagen, daß du für Niemanden zu Hause bist.
Der Graf folgte neugierig mit den Augen seinem ältesten Sohne, als dieser die Thüre öffnete, um dem