Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 186.
0 Die Goldmine
Nivelle frei nach E. Berth et, erzählt von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
Margarethe machte sich jetzt leise los und sagte in ihrer gewöhnlichen festen Stimme:
„Jeder begebe sich in den großen Saal zurück, was ich mit meinem Vater jetzt zu besprechen habe, darf nur von ihm gehört werden" !
Die Anwesenden untergeordneten Ranges beeilten sich zu horchen; die Andern entfernten sich nur langsamen Cchrittcö, und jeder derselben flüsterte im Vorübergehen Margarethen einige Worte in'S Ohr.
Nachdem sich Margarethe versichert hatte, daß sie mit ihrem Vater ganz allein sei, näherte sie sich in ruhiger aber entschlossener Haltung demselben und sagte mit fester Stimme:
„Mein Vater; es ist hier nicht mehr zu zögern; der gefürchtete Augenblick ist gekommen" !
Der König deS Pelvour zitterte wie vor der unerwarteten Entladung einer fürchterlichen Erplosion und bat Margarethe, sich näher zu erklären. Diese fuhr fort:
„Ich wollte Dir sagen, daß die Zeit zur Erfüllung Deines Schwures, den Du dem Großvater auf seinem Todbette geleistet, gekommen ist. Der Goldmine, die nur zum Glücke der Menschen sein sollte, mußt Du ent* faßen für immer. Du weißt, wie Dein Vater den Augenblick bezeichnet Hai: Mein Sohn, wenn Dein Kind Dir flucht, Dein Freund Dich verräth , wann derjenige, den Du mit Wohlthaten überhäuft, Dich mit Beleidig- ^"gen und Anklagen niederbeugt, wann unter Deinen Füßen überall Schlingen liegen, der Gatte die Gattin Erräth, wann die Leidenschaften entfesselt toben — dann ist der Augenblick gekommen. Siehe nun, Dein Kind ^t Dir geflucht, Du bist verrathen von Deinen Freun
den, von denen, die Du mit Wohlthaten gesegnet; die Leidenschaften toben gleich dem Orkane in den Gebirgen, der die Lawinen in'S Thal stürzt. Der Augenblick ist da" !
Martin-Simon war wie vernichtet; er suchte die Segnungen seiner Wohlthaten darzustellen, der Zukunft trüben Schleier mit der Hoffnung lichtem Schimmer zu verdecken, aber Alles scheiterte an den schlagenden Beweisgründen der Gegenwart seiner Tochter, bis er endlich erkannte, daß die Leidenschaft auch nicht ein einziges Wesen, Ernestine ausgenommen, verschont hatte.
Ein langes, fürchterliches Schweigen erfolgte.
„WohlaN denn"! rief er endlich, aufspringend, mit einem flammenden Blick, der einen großartigen Entschluß verkündete, „hast Du nicht gesagt, daß sie mich noch in diesem Augenblicke unten erwarten" ?
„Ja, sie erwarten Dich", sagte das junge Mädchen mit Bitterkeit, „sie erwarten Dich, wie daS wilde Thier seine Beute erwartet, mit Ungeduld und Wuth".
„Ich werbe zu ihnen gehen! — Aber eS ist Zeit die Anstalten zu der heutigen Ceremonie zu beginnen"'
„Vater, vergiß nicht, daß der Chevalier von Pay- raS einen hartnäckigen Widerstand der Heirath entgegensetzt". —
„Ich kenne die Mittel, ihn zu bestimmen; die flüchtige Leidenschaft gegen Dich war nicht so tief begründet, um ihn an der Erfüllung seiner Pflicht zu hindern".
Margarethe senkte den Kopf und erröthete, und bat ihren Vater, nicht bei der heiligen Handlung, sowie der häuslichen Feier zugegen sein zu müssen, waS ihr derselbe gewährte, und hinzufügte, daß er mit einem Schlage alle diese dornigen Verschlingungen lösen werde.
„Und wie daS, mein Vater"?
„Indem ich meinen, dem Großvater geleisteten feierlichen Schwur halte werde. Gehe nun"!