Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — .M 184.
In Baden-Baden.
(Schluß.)
Wenn auch Georg die Erzählung des Schwätzers nicht in Bausch und Bogen glaubte, so entnahm er ihr doch manche Bemerkung, die zu seines Freundes Aufklâ- rung und Beruhigung dienen konnte. Georg löste sich nun auch das Räthsel , warum Heinrich in solcher Dunkelheit in Betreff Montana'S verblieben war. Hatte der oberflächliche Beobachter so viel entdeckt, |o hätte daS tiefblickende Auge Heinrichs, durch die Mittheilungen anderer gelenkt, noch vielmehr wahrnehmen müssen, wenn es nicht die Art Verliebter wäre, über die geliebte Person nicht zu sprechen, ja der Rede eines andern über dieselbe, als einer Profanation, stets aus dem Wege zu gehen.
Heinrichs Zustand flößte den Freunden große Besorgniß ein. Er lag an einem Nervenfieber darnieder, und der Tag, welchen der Arzt als den der Krisis bezeichnet hatte, ging vorüber, ohne daß sich die Natur des Kranken zu einer Entscheidung erhoben hätte. Ottilie war eine treue Pflegerin, Frau Müller zeigte sich hüls- reich und sorgsam, und FideS leistete Ottilien tröstende und beruhigende Gesellschaft, wenn Georg bei dem Freunde war. Am vierzehnten Tage erreichte die Krankheit den ästigsten Grad, der Leidende raste, und Georg brauchte sk>ne ganze Kraft, ihn zu halten. Die letzten Erlebnisse schienen durch seinen Kopf zu ziehen, und öfters hörte uian die Worte: „Montana" ! und : „Sie spielen ja" ! Plötzlich setzte er sich gerade auf, rieb sich die Augen, "kannte seinen Freund und sagte matt: „wenn Ihr Mullin Müller seht, so sagt Ihr doch, daß in Baden" Seine Gedanken verwirrten sich im Halbschlummer, " sank wieder zurück, faltete die Hände und schlief K fest ein.
Von diesem Augenblick an ging seine Genesung zwar ; langsam, aber sicher vorwärts, und als später, um sie zu fördern, Georg ihm die Abreise Montanas berichtete, sagte er lächelnd und gerührt: „Ich habe jetzt ein rei, nereS Glück gefunden, daS ich verdienen will; die fürcht* ich nicht mehr".
Man war in die Heimat zurückgekehrt. Heinrich war wie umgewandelt , ruhig, sicher, klar, und Herbst und Winter vergingen ihm in immer gesteigerter Thätigkeit, ohne daß er diese, wie früher, durch Aufregung und Schmerzen zu erkaufen brauchte. ES war, als leitete ein reines und edleS Bild, daS seiner Seele stets vor- schwebte, ihn immer und unfehlbar zum Richtigen und I Schönen.
Nun kam das Frühjahr und alles wollte an'S Licht hervor. Heinrich ging zögernd zu Fides und brachte ihr einen Veilchenstrauß, wie er sagte, im Namen seiner Schwester. FideS saß an ihrer Arbeit, vor ihr stand das Epheu, daS, seit es von seinem heimatlichen Fels entfernt worden war, unter der liebevollen Pflege des jungen Mädchens Wurzel geschlagen und freudig getrieben hatte. Als Heinrich das Epheu lobte, lenkte sie daS Gespräch ab und fragte: „Lesen sie n'cht etwas" ? Heinrich griff nach einem der Bücher, die in zierlicher Ausstattung vor dem Mädchen lagen, schlug auf, und fand, was für ihl» paßte. Er zögerte und laS:
Gott Lob! nun zog er endlich fort noch Norden
Der greife Winter mit den frostigen Tagen!
Man hört entzückt, das wieder jung geworden,
Das Herz der alten Erde deutlich schlagen.
Und wie es klopft, freun sich die Creaturen,
Und wie es klopft, so treibts und sprießt und blühet;
Und alles, was auf lang gequälte Fluren DaS liebe blaue GotteSauge siehet.