Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^ 183.
O Die Goldmine
Novelle frei nach E. Berthet, erzählt von Fr. Bousfier.
(Fortsetzung.)
Michelot erschien mit vielen Bücklingen, auf's Sorgfältigste geputzt.
„Nun waS führt Euch schon so frühe zu mir? Habt Ihr Euch über die Aufnahme in meinem Hause zu beklagen? . . im Contracte irgend ein Formfehler? . ."
„O, nein, Nichts von ..."
„Ah, ich errathe, Ihr habt so emsig die Angelegen- heilen der jungen Leute besorgt und dafür gebührt Euch auch ein Honorar". Und somit zog er aus einer Schublade deS Pultes einen Wechsel von 10,000 Franken auf seinen Banquier von Grenoble. Michelot besah daS Papier und steckte eS dankend in feine Tasche. Allein seine Verlegenheit war durch die Generosität seines Wirthes nur noch vermehrt.
„Auch daran habe ich nicht gedacht .... ich kam blos in einer Ihre Person betreffenden Angelegenheit . . . . zu Ihrem Besten ... in einer gewisse Geschichte, in daS zu mischen, ich gerichtlich verbunden bin .... Es handelt sich um die unglückselige „Geschichte mit Raboisson".
„WaS geht die mich weiter an, ich habe das Pro- tocoll gestellt und Ihr habt eS dem Parlamente von Grenoble übermacht".
„Sie wissen, daß Sie selbst die Klausel unterzeichnet, Raboisson möchte wahrscheinlich durch eine Gewaltthat umgekommen sein".
„So habt Ihr eS geschrieben".
„Und gerade dadurch ist die Sache noch nicht beendigt. O, ich fürchte, mein gütiger, gnädiger Wirth, Sie betrüben zu müssen, indem ich vor dem Parlamente gerade Sie, Sie den ich so liebe, so hochachte, verfolgen muß als schuldig an dem Morde RaboissonS".
) Martin Simon richtete sich in seiner ganzen Höhe empor.
„Ich glaube, dieser Mann wird ein Narr" ! rief er.
„Nicht so sehr, als Sie denken. Hören Sie mich. An dem Tage, wo ich nach Grenoble abreiste, begegnete mir Raboisson wenige Schritte vor dem Graver-Schlunde. Er hielt mich an, mit der Bemerkung, daß er mir, als einer GerichlSperson wichtige Mittheilungen zu machen habe. Ich wollte nicht auf ihn hören, doch in der Hoffnung, Ihnen, mein edelmüthiger Wirth, nützlich sein zu können, ließ ich mich bewegen, seine Mittheilungen zu protocolliren. Sie bestehen darin, daß er mich beauftragte, im Falle er eines gewaltsamen Todes sterben sollte, Sie gerichtlich deßhalb zu verfolgen, indem Sie ihm am Abende vorher damit gedroht. Dieses Protocoll unterzeichnete er mit den drei ihm in besonderer Form eigenthümlichen und von den Gerichten wohlgekannten Kreuzen und ich habe dasselbe zu Grenoble niedergelegt".
„Und aus solches, aller persönlichen Beweisgründe baarcS Geschwätz habt Ihr gehört, habt es protocollirt, sogar dem Gerichte übergeben, gesucht, mich dadurch zu j verderben" ? schrie der Montagnarde in Wuth.
„Mein Herr, ich habe nur meine Schuldigkeit gethan ; mein Gewissen" . . ."
Dein Gewissen, Elender! Dein Gewissen! Meinst Du mich überzeugen zu können, daß Du selbst nur ein Wort dieser abgeschmackten Fabel glaubst! Wenn Du nicht ebenso schwach als feig wärest" . . .
„Beruhigen Sie sich, mein Wirth", sagte Michelot in weichlichem Tone; „ich bin Ihr Freund, Sie wissen eS wohl; mein Herz möchte Sie nicht betrüben und Ihnen gern die Freundschaft vergelten, die Sie mir schon bewiesen; aber sagen Sie selbst, was ich thun soll"?
„Die Papiere zerreißen; vor Gericht sagen, daß Ihr mich verlâumdet" !