Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 181.
O Die Goldmine
Novelle frei nach E. Berthet, erzählt von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
VII.
Die Erklärungen.
Der Tag war schon ziemlich hereingebrochen, alS Marcellin den Rückweg angetreten. Um nicht in seiner leichten Morgenkleidung von den Bauern, die sich schon in der Straße deS DorseS zeigten, gesehen zu werden, nahm er einen abgelegenen Umweg um daS Dorf, um auf demselben zu Martin-Simons Hause zu gelangen. ES befand sich Niemand auf demselben, der ihn in seinem Nachdenken gestört hätte. „So ist eS denn gewiß", sagte er zu sich, „daß mein Verwandter eine Goldmine besitzt, und schon haben der Mönch und Magister, nicht weniger der Procurator die Hände darnach auSgestreckt. Könnte ich, seinjVcrwandtre, nicht in den Besitz derselben treten? Es ist Nichts unmöglich; wenn ich Margarethe heirathete — sie scheint tiefe Leidenschaft gegen mich zu empfinden. Bin ich ja auch vielleicht der Erste, den sie, ihrer würdig, im Dorfe gesehen. Martin-Simon muß schon nachgeben. Aber liebt sie mich auch wirklich? Das ist die Frage".
In diesen Ueberlegungen hörte er einen leichten Schritt hinter sich ; er wandte sich um, um erblickte Margarethe, die auch diesen abgelegenen Umweg gewählt hatte, um nach Hause zu kommen.
„Guten Morgen, meine schöne Cousine" ! rief er ihr freundlich zu, „woher so frühe? Glücklich derjenige, der Ihnen hier nicht durch bloßen Zufall begegnet" !
»Ich verstehe Sie nicht, Herr Chevalier", entgegnete sie mit dem Kopfe grüßend.
»Aber", sagte Peyras lächelnd, „ich sollte vermuthen, M, da ich Sie allein hier finde, Sie Jemand Andern
als mich suchten, und ich müßte daS LooS des glücklichen Sterblichen beneiden, der . . .."
Margarethe schien über den Sinn dieser Worte nachzudenken, dann zuckte sie die Achsel und sagte ohne Zorn:
„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich die schöne Sprache der Städte nicht verstehe, und ich denke mir, daß man Manches da spricht, was keinen Sinn hat. . . . Doch entschuldigen Sie, ich muß eilen, nach Hause zu kommen; ich habe einen Morgenspaziergang gemacht".
Der Chevalier bot ihr den Arm, den sie ohne Verlegenheit annahm. Sie gingen einige Zeit neben einander ohne ein Wort zu sprechen; dann aber machte ihr Marcellin die Bemerkung, baß sie leidend scheine, bot ihr als Verwandte seine treueste, innige Unterstützung und Theilnahme und erklärte, Alles für sie wagen und thun zu können. Margarethe erwiderte nur ganz schlicht, daß er recht gesehen, daß sie ihn aber heute an seinem Freudentage nicht mit ihren Besorgnissen unterhalten wolle, an dem Tage, wo er mit derjenigen vereinigt würde, die er so sehr geliebt, in deren Armen er nach seiner Abreise deS ganzen Thales, sowie seiner Bewohner vergessen werde.
„Wer sagt Ihnen, baß ich daS thue, daß ich selbst entschlossen bin, Fräulein von Blanchesort zu heirathen"?
„Ist nicht Alles bereit? ist nicht unser HauS, vielleicht im Augenblicke, wo schon die Trauer auf der Schwelle steht, zur feierlichen Handlung festlich geziert"?
„Eine Nacht reiflicher Ueberlegung kann Alles ändern; die Heirath wird nicht stattfinden".
Sei eS Erstaunen, fei cS Unwillen oder ein anderes Gefühl, Margarethe erbleichte und erröthele abwechselnd.
„Und warum nicht" ? fragte sie.
„Weil ich sie nicht mehr liebe, nie recht geliebt habe, und eine Andere, meiner Liebe würdiger, gefunden".