Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — Jtë 180.
O Die Goldmine
Novelle frei nach E. Berthet, erzählt von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
Margarethe nahm aber plötzlich eine Wendung, die nicht, wie er vermuthet hatte, nach dem Thale, sondern nach einer andern Seite deS Dorfes führte, in dessen letztes HauS sie behende eintrat.
DaS Erstaunen deS Chevaliers kannte keine Gränzen; er folgte ihr bis in daS HauS, wo er sich in eine dunkle Nische versteckte, die ihm den Blick durch die halbgeöffnete Thüre in ein großes mit einem Tische, rundum mit Banken bestellt, versehenes Zimmer erlaubte. ES war deS Magisters Schulzimmer. Dieser selbst saß mit dem Mönch von Lautarel an > einem warmen Ofen. Beim Eintritt Margarethens hatten sich beide erhoben und dann zusammen um den Ofen Platz genommen.
Hier entspann sich eine lange Unterredung, in der Margarethe besonders den weisen Rath deS Mönches in Anspruch nehmen wollte. Es erwies sich deutlich, daß Margarethe sich nicht von dem Gedanken loSmachen konnte, es könne gegen ihren Vater ein Verdacht wegen Raboiffons Mord vorliegen.
Der Magister, welcher daS Protocoll geschrieben, be, stâtigte, daß in demselben die Clausel, es liege der Verdacht eines Mordes vor, durch den Prokurator aufge- vommen worden sei; bemerkte noch, derselbe habe schon mehrere Male Aeußerungen fallen lassen, die für Martin- Eimon nicht günstig lauteten, und man wisse nicht, welche Wendung die Sache nehmen werde, und daß dem Procu- rator gänzlich zu mißtrauen sei.
Margarethe bat und beschwor die Beiden, doch ihren Daler, der nicht schuldig sein könne, der schon so vieles Gute gewirkt, einen so uneigennützigen, edlen Charakter besitze, zu unterstützen, sich seiner anzunchmen, ihn zu vertheidigen, wenn seine Drohung gegen Raboisson mit dessen Um
kommen in Folgerung gesetzt werden solle, da eS sich dann nicht allein um daS Leben ihres VaterS, als auch daS Glück deS ganzen Landes handele.
„Meine Tochter", entgegnete hierauf der Mönch, „wir wollen hoffen, daß diese Befürchtungen nicht gegründet, sind, zu denen uns besonders jener zweideutige Mann, dem Ihr Vater schon zu viel Recht in seinem Hause eingeräumt, veranlaßt hat. — ES scheint, daß ihn Habsucht ganz und gar leitet, und daß man, diese benutzend, wohl sein Stillschweigen erkaufen kann. Doch viel wird er fordern — er kennt Euer Geheimniß".
„Unser Geheimniß"? fragte Margarethe zitternd.
ES folgte eine lange Pause.
„Mein Kind", sagte endlich der Mönch, „Sie und Ihr Vater, Ihr seid die Einzigen, die nicht wissen, daß jede weitere Verheimlichung nicht mehr nöthig ist. Dank der Indiskretion Raboissons läuft schon lange das Gerücht von einer Goldmine, die Ihr Großvater entdeckt, im Lande umher".
„Sollte denn dem wirklich so sein, sollte der gefürchtete Augenblick nahen, so wisset", antwortete Margarethe heftig, „daß von dem Tage an, wo diese Goldmine der Gegenstand eines schuldvollen Wunsches, einer schlechten Handlung oder eines Verbrechens wird, sie Niemanden mehr gehören, sie für Alle auf immer, für Gute und Böse, verloren sein wird".
Die Augen deS Mönchs brannten in einem ungewohnten Glanze.
„Was sagen Sie, meine Tochter"? rief er erhitzt, „was! wäre daS die Wohlthat der Vorsehung würdig angewandt, den Schatz vernichten und dadurch die Menschheit seiner berauben? Wenden Sie denselben zu guten Werken an, meine Tochter. Ich will hier mit Freimüthigkeit sprechen; schon oft suche ich ihren Vater zu bestimmen, bei seinem Tode doch deS Klosters zu geben-