Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung
1851. — JV» 170.
O Die Goldmine
N»v«lle frei nach E. Berthet, erzählt von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
ES wäre in diesem Augenblicke sicher Blut vergossen worden, alS plötzlich ein Trupp Gebirgsbewohner in dem Engaß erschien und eine starke, gebieterische Stimme hinter Marcellin rief:
»Die Waffen nieder! Wehe dem, der den ersten Schuß thut" !
Dieser Befehl, von einer deö Befehlens gewohnt scheinenden Stimme, wurde von den drei Gegnern maschinenmäßig befolgt, und Alle sahen auf den Trupp, welcher sich ihnen rasch näherte. Der Prokurator , welcher den Augenblick der Waffenruhe benutzte, stellte sich stolz mitten im Wege auf.
Die Person, welche zu so gelegener Zeit hier dazwischen trat, war Niemand anders als Martin-Simon; er war zu Fuß und trug das Costüm, welches wir schon kennen; nur hatte er anstatt seines großen ReisemantelS einen jener kleinen schwarzen Ueberwürfe, auf dem Lande Zeichen irgend einer Würde. Daß er sich auf diese nicht allein verlassen, bewies seine, auS einem Dutzend mit starken eisernen Stöcken bewaffneten Bauern bestehende Begleitung.
Beim Anblick dieser Verstärkung stieg Marcellin vom Pferde und ging Martin- Simon entgegen, um ihm für die Hülfe zu danken.
Allein zu seinem großen Erstaunen wies sein De- lchützer die dargebotene Hand zurück und schritt würdevoll zu Michelot vor, der ihn mit nicht weniger Gravität «wartete.
«Mein Herr", sagte Michelot, als Martin-Simon kaum zwei Schritte mehr von ihm war, „wenn Sie find, was Sie scheinen, irgend eine GerichtSperson, so leihen
Sie mir ihre Hand, um ... . Barmherzigkeit" ! unterbrach er sich schnell, „das ist mein Mann von gestern Abend, das ist der Mitverschworene des Chevaliers".
„Vergesset, was ich gestern Abend war", sagte der Gebirgsbewohner mit Würde; „heute bin ich Amtmann des Dorfes Ende"-der-Welt, der Ländereien, auf denen wir uns eben befinden, und habe daS Recht, fie zu fragen. kraft welchen Mandates Sie handeln".
„Kraft meines Befehles, den ich bei mir trage, und ich bitte Sie, mir hülfreiche Hand zu leisten".
„Ohne Zweifel, wenn Ihre Papiere in Ordnung find; zeigen sie mir dieselben".
Der Chevalier runzelte die Stirne.
„Sollten Sie den Gedanken haben, mich zu verlassen"? murmelte der Chevalier in Martin-SimonS Ohr; „bei Gott! Sie haben mit mir gespielt?"
Der Amtmann des Dorfes nahm daS von Michelot ihm überreichte Papier, durchlief eS in einem Augenblicke und gab eS lächelnd zurück.
„Ich dachte mir eS schon, dieses Mandat ist nicht in Ordnung und ich werde nicht leiden, daß man eS innerhalb meines Garnisonsbezirkes auöführe".
Michelot war verwirrt; er wußte besser als Jemand, was dem Mandate fehlte, hatte aber gehofft, einen armen Dorfbeamten überlisten zu können und schrie darum in affektirtem Zorne.
„Was soll daö bedeuten, Amtmann? Glauben Sie mich so unkundig, mich, den Prokurator deS GerichtSho, feS zu Lion, um mich mit einem Papiere beauftragen zu lassen, das nicht die nöthigen Formalitäten besitzt? Ohne Zweifel. Sie haben schlecht gelesen; lesen Sie noch ein* mal, nichts ist klarer:
„Ordre des Herrn Theobald Michelot, des durch Vorliegendes Bevollmächtigten, Fräulein Ernestine