Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
Zeitung
1851 — JV» 168
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0 Die Goldmine
Novelle frei nach E. Berthet, erzählt von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
Man vermuthet , daß Grenoble daS Ziel seiner gewöhnlichen Reisen ist, die seitdem Ende-der, Welt an Ausdehnung gewonnen hat, häufiger Statt haben; und sehet, gerade heute kommt der Amtmann von einer solchen zurück, von der Niemand, seine Tochter ausgenommen, den wahren Zweck kennt".
„DaS ist Alles sehr seltsam, Meister EusebiuS ; aber ist man denn sür die Tugenden deS Herrn Martin- ; Simon so eingenommen, daß man sich gar keine Muthmaßung über seine unerklärlichen Gänge erlaubet" ?
Noel nahm eine kalte und ernste Miene an.
„Man ist", sagte er, „wie Ihr denken könnet, auf Alles sehr gespannt, waS den allgemeinen Wohlthäter angeht; indeß, um Euch Nichts zu verbergen, hat man sich oft gefragt, wo nur Vater und Sohn hingehen mvch, trn. Viele behaupten, daß der selige H. Bernhard ein Mann von hoher Geburt wäre, der aus einem Liebeskummer oder irgend einem andern Motiv, seinen Stand I und Namen verbergend, die Einsamkeit in unseren Gebirgen ausgesucht habe. Nachdem er längere Zeit in diesem einst so wilden Thale gelebt, erinnerte er sich ohne Zweifel, daß er in der Welt noch Vermögen und Güter zurückgelaffen, und man erzählt, daß er dann oft fortgegangen sei, seine Revenuen zu beziehen. WaS den Sohn betrifft, ist es wahrscheinlich, daß er einen Theil deS ersteren ganz eingezogen und verwandt hat, um damit das Dorf, nach dem wir gehen, zu erbauen. ES ist indeß Ilcher, daß nie das Geld in größerem Ueberfluß aus fei« neu Händen fließt, als nach einer solchen Reise, und Ihr habt selbst bemerken können, daß daS Felleisen deS Amtmanns sehr gewichtig schien. — WaS die übrigen Fabeln,
die man sich über sein Herkommen, sein Vermögen erzählt, betrifft, ist es nicht nöthig, davon weiter zu sprechen".
Diese Erz hlung, deren minder wichtigen Erörterun- gen und zahlreichen Citationkn Virgils wir weggelaffen, hatte die Aufmersämkeit der Reisenden von allem Andern abgezogen, und sie waren, ohne eS zu bemerken, an einen Ort gekommen, wo der Weg wieder von Neuem in die Gebirge drang. Marcellin warf maschinenmäßig einen Blick hinter sich. Plötzlich erbleichte er und preßte krampfhaft die Zügel seines PferdeS zusammen.
„Wir sind verloren", rief er, „man verfolgt unS". Ernestine zitterte und wandte sich lebhaft um. Einige hundert Schritte don dem Orte, wo sie sich befanden, rückten drei Reiter heran, so schnell es die Schwierigkeiten deS Weges gestatteten; eS waren Michelot und die zwei Soldaten der Marechauffee, welche die durch die Reisenden verlorene Zeit zu ihrem Vortheile benutzt halten.
IV. Der König d e S Pelvour.
In der Gewißheit, verfolgt zu werden, näherten sich der Chevalier v. PeyraS und Frl. v. Blanchefort lebhaft einander.
„Meister Noel", fragte der Chevalier, „wohin führt dieser Weg"?
„Nach dem Dorfe Ende-der-Welt".
„Und wo anders hin" ?
„Nirgends".
„Nun, daS geht gut, und waS noch mehr ist, sie — haben unS gesehen".
„Marcellin", rief daS junge Mädchen, verzweiflungS- voll die Hände ringend, „sie werden sich meiner bemächtigen und mich zu meinem Vater zurückbringen... Ich werde eine solche Schande nicht ertragen . . . Tödte mich, aus Mitleid, tödte mich"!