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Der Wanderer.

Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitullg.

1851. JV» 164

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O Die Goldmine.

Novelle frei nach E Berthet, erzählt von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung.)

Die Reisenden hatten sich so weit genähert, daß sie den Fremden mit Muse betrachten konnten. ES war ein Mann in den sechöziger Jahren, Hager und bleich, seine Augen waren mit einer großen Stahlbrille bewaffnet. Er war schwarz gekleidet; drei, an seinem Hute, nach dem Ge­brauche deS Landes befestigte Schreibfebern zeigten den Vorübergehenden an, daß der brave Meister Eusebius Noel daS Lesen, Schreiben und selbst daS Latein lehren konnte. Seine leutselige, naive Miene mußte, trotz seiner Eigenheiten, doch jeden Scherz entwaffnen. Seine Lektüre nahm seine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß er drei Schritte vor den Reisenden stand, ohne sie gewahr zu werden. Er wäre anb as Pferd deS voran reitenden Martin Simon gestoßen, wenn ihm dieser nicht mit einer Donnerstimme zugerufen hätte: -

Nun, Magister, an was denkt Ihr denn"?

Insandum" ! rief dieser mit scharfer Stimme, "wie bin ich hierher gekommen? ich lglaubte, ich dachte".

Ihr glaubtet auf dem Kirchplatze zu spazieren, nicht wahr"? sagte Martin Simon,und Ihr findet Euch in ? dem Engpaß deS Lautaret, 2 Meilen wenigstens vom Dorfe. Ich erstaune, daß Ihr bis hierher gelangt seid, ohne den Hals zu brechen".

WaS wollet ihr, Amtmann", sagte EusebiuS Noel tu^8, sein Buch zuschlagend, nachdem er vorher durch ein Eselöohr die Stelle bezeichnet hatte, wo er flehen ge­blieben war,ich las das 4. Buch der Aeneide, gewiß das schönste. Ich frage diesen jungen Mann, der die be­wundernswürdigen Verse noch nicht vergessen haben darf, | ob nicht daS schönste von allen ist"?

Fräulein v. Blanchefort war eS, an die sich der Magister, durch ihr jugendliches Aussehen irre geführt, mit dieser Frage gewendet hatte. Ernestine lächelte, aber ehe sie antworten konnte, erwiderte Martin Simon mit etwas barschem Tone: j

Zum Teufel mit Euerm 4. Buch und allen den andern! Ist eS nicht eine Schande, daß Ihr immer wie­der leset, waS Ihr läygst auswendig könne)"?

Aber laßt hören", fuhr Martin Simon in etwas sanfterem Tone fort,mein guter Noel, hat meine Tochter Margarethe Euch nicht mir entgegen geschickt, um mit irgend eine Botschaft zu überbringen, oder seid ihr auS reiner Zerstreuung, wie gewöhnlich, hierher gekommen? Besinnt Euch wohl, hat Gretchen Euch Nichts aufge­tragen" ?

Der gute Mann suchte in seinem Gedächtnisse nach einem flüchtigen Gedanken, den die Abentheuer deS pius Aeneas daraus vertrieben hatten.

O, ja" , sagte er schnell,Fräulein Margarethe hatte mich Euch bis zum Guiller-Felsen entgegengeschickt, aber da habe ich meinen Virgil geöffnet, um das Schick­sal .zu befragen, und . . . ."

Er hielt plötzlich inne und eraminirte durch seine doppelten concaven Gläser die zwei Reisegefährten Martin SimonS, und fragte mit geheimnißvoller Miene:

Führet Ihre diese Herren zu Euch"?

Und wenn das wäre"?

Thut es nicht, thut eS nicht", erwiderte schnell der Magister, nach einander die Reisenden und den Montag- narden betrachtend;Ihr werdet es früher oder später bereuen, und eS wird Euch ihretwegen Unglück wider­fahren".

Und warum daS, Narr, der Ihr seid"? fragte Martin-Simon, der sich bei der wichtigen Miene deö Al­ten kaum deö Lachens erwehren konnte.