Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1851. — ^M 163.
0 Die Goldmine
Nvvelle frei nach E Berthet, erzählt von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
III.
Der Magister.
AlS die Reisenden daS Hospitium verließen, begann kaum der Tag im Thale deS Lautaret zu grauen. Mar. tin.Simon, der auf einem großen, etwas schwerfälligen, aber sicher und sanft schreitenden Pferde ritt, hatte sich in eine große Wollenkapuze eingewickelt, um sich gegen die in diesen hohen Regionen, ungeachtet der Jahreszeit, herrschende empfindliche Kälte zu schützen. Ernestine und Marcellin waren bald genöthigt, ihm nachzuahmen und bedeckten sich mit ihren, vom gestrigen Unwetter noch feuchten Mänteln. Der Chevalier von PcyraS, der sich in die Nothwendigkeit versetzt sah, sich den Umständen zu fügen und sich die Gewogenheit seines unbekannten Beschützers zu erwerben , ging in seiner Gefälligkeit gegen diesen so weit, daß er brüderlich daS Fläschchen Brannt. wein, welches ihm der Montagnard geboten, an seine Lippen setzte und eS zurückgab, nachdem er einige Tropfen daraus getrunken hatte. Martin-Simon deutete mit ei* »er leichten Bewegung des Fingers auf die Oeffnung des Fläschchens, indem er dann, leise seinen Hut berührend, Frl. Blanchefort grüßte; diese dankte lächelnd. Nachdem er selbst einen langen Zug auS der kleinen Bouteille gethan, gab er mit der Ferse seinem Pferde einen Stoß, schnalzte lustig mit den Fingern und sagte zu seinen Gefährten :
„Muth , Kinder, eS wird Alles noch gut gehen" ! Sein sicherer und aufmunternder Ton verfehlte seinen Zweck aus die jungen Leute nicht. ES war in ihrem neuen Freunde,' ich weiß nicht welche geheimnißvolle Au- I torität, die ihnen Zutrauen einflößte, und sie kannten ihn
schon genug, um sicher zu sein, daß er keine Versprechungen mache, ohne auch die Möglichkeit zu besitzen, sie zu halten. Der Chevalier erschöpfte sich zwar in Vermuthungen, um daS Aeußcre und die Freigebigkeit dieses Mannes zusammenzureimen. Er benutzte die erste, sich ihm darbietende Gelegenheit, um ssich dem Manne zu nähern, und sein Geheimniß zu durchdringen.
Allein der gute Mann war auf seiner Hut ; er wollte, bevor er sich entdeckte, erst selbst seinen Gefährten studiren, um zu sehen, ob dieser auch seines Vertrauens würdig fei.
Er begegnete den Fragen deS Chevaliers so, daß bald dir Rollen gewechselt waren. Letzterer hatte keine Ursache, einem Manne zu mißtrauen, der ihm so große Dienste geleistet hatte, und ließ bald den Grund seines Charakters, eine sonderbare Mischung guter Eigenschaften und glänzender Fehler, erschauen. Der Gebirgsbewohner hörte ihn mit lebhaftem Interesse an, bald gefällig lächelnd, bald die Augenbraunen runzelnd und die Achseln zuckend, je nachdem er die Geständnisse deS jungen Mannes billigte oder nicht billigte. WaS Ernestine betraf, • nahm sie nur an der Unterredung Theil, wenn eine bestimmte Frage an sie gerichtet wurde.
Unterdeß gelangte man beim bleichen Scheine der Morgenröthe nur mühsam vorwärts; der Sturm des vorigen Tages hatte den Weg fast ungangbar gemacht und ungeheure Felsblöcke auf denselben geschleudert. An manchen Stellen deS Thales sah man lange, weiße Streifen, bald auf dem herrlichen Grün, bald über Tannenwälder gebreitet; das waren die Lawinen, welche in der verflossenen Nacht von den Gletschern, Alles mit sich reißend, ' heruntergestürzt waren.
i Bald stieg die Sonne am Horizonte herauf, übergoß , die ganze Landschaft mit dem Glanze ihrer Strahlen. DaS ; Gewitter hatte der Lust eine merkwürdige Klarheit und