Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. M 1LS

O Die Goldmine

Novelle frei nach E. Berth et, erzählt von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung.)

ES war im Juli deS JahreS 1780, wo die Passage, in den Engpässen des Pelvour am leichtesten und am wenigsten gefährlich ist, gegen daS Ende eines, selbst für diese hochgelegenen Gegenden sehr heißen TageS, da bot daS Kloster Lautaret nicht jenen finstern und furchtbaren Anblick dar. DaS kleine Thal, in dessen Mitte es liegt, war gänzlich von Schnee befreit, und einige blühende Pflanzen zeigten sich in den Ritzen deS mit Glimmer­schiefer bedeckten BodenS; einige Obstbäume, welche die Einsiedler mehr der Annehmlichkeit, als deS Nutzens we­gen in den kleinen Klostergarten gepflanzt, hatten sich mit einem leichten Laubwerk bedeckt. ES war der Sommer für Lautaret. Die Sonne war hinter dem Berge Ge- nevre entschwunden und warf. noch auf die Gipfel der Alpen einen leichten, blaßrothcn Schein. Einige weiße und halbdurchstchtige Wolken, die unbeweglich an den Seiten des Pelvour verweilten , ausgenommen, zeigte der Himmel das reinste Blau und die Luft eine bewun- ! dernSwürdige Klarheit. Alles war ruhig in dem Thale; selbst daS Murmeln eines von einem benachbarten Felsen herabstürzenden, schäumenden Stromes schien sich gemil, dert zu haben, um nicht die Stille dieser majestätischen Einöden zu stören, und das einzige Geräusch, das sich von Zeit zu Zeil Mrn ließ, war daS Pfeifen einer am Rande eines Abgrundes weidenden Gewfenheerde, oder dasjenige eines als Schildwache ausgestellten Murmel- thierchenS, daS die muntere Bande seiner Gespielen von einem hoch in den Lüsten schwebenden Adler bedroht sah. Ungeachtet dieses ruhigen Anscheines der ganzen Natur hatten die Mönche von Lautaret nichts destoweniger an gewissen Anzeichen erkannt, daß der Abend nicht ohne

Sturm bleiben werde; und diese Zeichen, welche ihnen ihre Erfahrung als untrüglich bewährt hatte, riefen sie zu ihrer gewöhnlichen Thätigkeit: daS helltönende Klo­sterglöckchen wurde in Bewegung gesetzt, als sollte eS die Brüder zum Gebete rufen, und der Prior und die Mönche, machten sich auf den Weg, um denjenigen entgegen zu gehen, die durch daS nahende Unwetter überfallen wür­den. Kaum hatten sie sich in der Nachbarschaft zerstreut als auch schon der Mistral, dieser im mittägigen Frankreich so gefürchtete Wind, mit einer stetS wachsenden Kraft zu pfeifen anfing und eine Stunde nach dem Untergang der Sonne zum wahren Orkan wurde.

Zu der Stunde, von der wir sprechen, und obgleich die Nacht schon hereingebrochen, war ein einziger Reisen­der auf Lautaret gekommen, um da eine Zuflucht zu su­chen, und hatte vor dem Feuer, das im gemeinschaftlichen Saale flackerte, Platz genommen. Nach seinem Aeußeren zu urtheilen war er ein Bewohner der Gegend. Er schien hier wohl bekannt; er hatte selbst sein Pferd in den Stall geführt und kam sich nun in dem Saale ge­mächlich einzurichten, nachdem er dem, unter der Vor- i Halle die Glocke ziehenden Bruder einen vertraulichen Gruß geboten hatte.

Die Person, deren wir eben erwähnten, und die sich h'er so zwanglos benahm, als sei sie in irgend einer ge­wöhnlichen Herberge, war ein Gebirgsbewohner von un- fähr 45 Jahren, von freimüthigem, offenen Aeußeren und starkem, kräftigen Körperbau. Er trug ein weites Kleid von eckigem Schnitte und grobem Tuche; seine gestreifte, fast bis zur Mitte den Leib bedeckende Weste, ließ kaum ein Paar braune Beinkleider, die sich in große, unter dem Knie durch rothe, wollene Bänder festgebundene Strümpfe verloren, hervorblicken. Seine langen, blonden Haare fielen unter einem großen heruntergeschlagenen Hute, den er ohne Umstände auf seinem Kopfe halte sitzen lassen,