Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
. Zeitung.
1851. — .M 149
HeirathsgefchLchten aus der kleine» Welt.
(Fortsetzung.)
Der Adelheid war'S indeß seltsam gegangen, wie einer Festung, auf den Sturm gerüstet, die auch an die Möglichkeit einer Uebergabe denkt, die aber gänzlich unangefochten bleibt. Seit dem Besuch des Doktors stand sie jeden Morgen auf und legte sich jeden Abend nieder mit der Frage: will ich? — „Nein, ich will nicht"! rief ihr Herz, aber kein Mensch fragte sie: willst du? oder willst du nicht? Mit Herzklopfen sah sie den Briefträger kommen, mit einem erleichternden Seufzer sah sie, daß er nichts brachte als Briefe einiger Herzensfreundinnen, die über ihr Stillschweigen klagten, aber nachher war'S doch eine gewisse Leere. Sie hatte in Gedanken die schönsten Absagebriefe an den Doktor aufgesetzt, voll Achtung, Bedauern und Dankbarkeit, aber eS kam keine Gelegenheit einen zu schreiben. Die Liese ließ sich nirgends blicken. Schon glaubte sie mit einiger Beschämung, daS Ganze sei am Ende ein Mâhrchen gewesen oder der arme Doktor sei, bekümmert über ihre Sprödigkeit, bereits in Verzweiflung nach Amerika abgesegelt, da kam eines TagS ein großer, gefährlich auSsehender 'Brief an den Vater. Nun war'S gekommen. Der erstaunte Vater gab Adelheid ihren Brief, besprach die Sache mit ihr und ließ ihr gänzlich freie Hand; ihm eilte eS nicht, sich von dem Töchterlein zu trennen. Da saß Adelheid in ihrem Stübchen, die Feder in der Hand und vor sich daS Postpapier. Der Absagebrief, wie sie ihn gedacht, paßte nicht mehr, des DoklorS Brief war gar nicht so herzbrechend; ein Nein, motivirt oder nicht, wollte nimmermehr heraus, und doch zum Ja — da war'S noch himmelweit, das >var ganz undenkbar. So ließ sie sich denn in Kapitu
lationen ein, sandte einen Brief ab mit einer ziemlich offenen Erklärung über ihren Herzenszustand, bat um Aufschub, wollte ihr Herz prüfen, nähere Bekanntschaft rc. Eine gefährliche Sache für eine Festung.
Am andern Tag lam der Brief mit der Bitte des VetterS Pfarrer um Unterstützung seiner Frau. In ihrer Bedrängniß war Adelheid recht froh der Aussicht aus angestrengte Thätigkeit, erstürmte die Erlaubniß deS VaterS und rüstete sich zur Reise, nicht ohne gebeten zu shaben, daß man ihr alle einlaufenbenz Briefe nach Bernheim nachschicken solle. —
Da Adelheid in der vaterländischen Geographie nicht stark war, wußte sie gar nichts daß Bernheim in der Gegend von Dachshausen lag, und war daher höchlich erstaunt, den Doktor, mit dem sie in so gefährliche Unterhandlungen getreten war, gleich am ersten Abend im Pfarrhaus zu finden. Dieses unerwartete Zusammentreffen gab nun der Sache eine andere Gaftalt; aber „der Zug deS HerzenS, der des Schicksals Stimme", wollte immer und immer noch nicht kommen, und ungewisser, unglücklicher als je, durchwachte Adelheid die nächste Nacht am Dette der kranken Kinder, während die Mutter ruhig schlief, wie seit lange nicht. Immer noch schien ihr diese neue Begebenheit ein Querstrich durch den blumigen Pfad ihrer Phantasiewelt. Anders, ach so ganz anders hätte es eben kommen sollen!
Aber die stille Nacht ist eine gute Zeit zur Selbst- prüfung und in dem trotzigen und verzagten Mädchenher- zcn stieg die ernste Frage auf: „Hast du ein Recht die Wege zu wählen, die Gott dich führen soll"? Und sie betete, ernst und innig wie nie, Gott möge ihr klar machen nicht ihren, sondern seinen Willen, und wenn sie ihn erkannt, so möge er ihr auch die Freudigkeit in daS Herz geben, den Weg zu gehen, den er sie führen wolle. —